DAMALS: Woran ist die DDR gescheitert? Anna Kaminsky: Da sind einige Umstände zusammengekommen: Letztlich war der Freiheitswillen der Menschen, ihr Durst nach Demokratie stärker als die repressive Struktur dieses Staates. Und ganz allgemein gesprochen stimmte auch der Rahmen nicht: Die vom SED-Staat praktizierte Wirtschaftspolitik war völlig verfehlt, so dass sich die DDR als nicht lebensfähig erwiesen hat. Außerdem ergab sich Ende der 1980er Jahre eine günstige außenpolitische Konstella‧tion: Die Sowjetunion rückte unter der Führung des Reformers Michail Gorbatschow davon ab, alle Staaten in ihrem Einflussbereich müssten sozialistisch nach sowjetischem Vorbild sein. Dazu gehörte auch die Aufgabe der damit verbundenen Doktrin der militärischen Einmischung. Seit dem Eingreifen russischer Panzer während des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 war klar gewesen, dass sich die SED ohne die militärische Präsenz der Sowjetunion nie hätte halten können.
DAMALS: Die von Ihnen vertretene Institution trägt ihren Auftrag, nämlich die „SED-Diktatur“ aufzuarbeiten, bereits im Namen. Hätte man nicht durch eine etwas neutralere Namensgebung – sagen wir „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte“ – signalisieren können, dass es auch um einen Diskussionsprozess darüber geht, was die DDR war? Kaminsky: Ein anderer Name hätte dem Charakter dessen, was die DDR war, nicht entsprochen: Sie war eine Diktatur. Man muss auch den Zeitpunkt der Stiftungsgründung berücksichtigen: 1998. Knapp zehn Jahre nach der Wiedervereinigung gab es harte Diskussionen um die DDR-Vergangenheit. Viele ehemalige DDR-Bürger pflegten damals einen nostalgischen Blick auf die vergangenen Zeiten. Der Tenor dieser Einlassungen waren Sätze wie diese: Wenn man sich an die Gesetze gehalten hat, ist einem nichts passiert. Manche sagten allen Ernstes: Wir wollten doch gar nicht reisen.
DAMALS: An welchen Punkten machen Sie fest, dass die DDR eine Diktatur war? Kaminsky: Es gibt typische Merkmale für eine Diktatur − all diese erfüllte die DDR: Es gab eine Einparteienherrschaft, Staat und Partei waren eng miteinander verflochten, es gab keine Gewaltenteilung, keine freie Presse, keine freien Wahlen, keine Meinungsfreiheit. Versuche, sich diese demokratischen Freiheiten und Rechte im Kleinen zu nehmen, wurden streng bestraft.
DAMALS: Und die nostalgischen Sichtweisen auf die DDR-Geschichte: Wie reagieren Sie darauf? Kaminsky: Die DDR hat sich selbst als „Diktatur des Proletariats“ bezeichnet. Aber das stimmt nicht. Sie war die Diktatur einer parteistaatlichen Elite über die Mehrheit der Bevölkerung. Beim nostalgischen Rückblick auf die DDR sollte man sich nicht fragen: Was war gut an der DDR, sondern: Was ist gut an einer Diktatur? Was war gut dar‧an, dass der Staat entschied – übrigens meistens abschlägig –, ob ich zu Geburtstagen, Hochzeiten oder Beerdigungen von Freunden oder Verwandten in den Westen reisen durfte? Was war gut daran, dass nach dem Mauerbau von 1961 Eheleute getrennt waren, nur weil einer von beiden zufällig gerade auf der anderen Seite gewesen war? Daraus ergeben sich neue Fragen wie diese: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn es diese Diktatur nicht gegeben hätte? Wenn man die Diskussion auf diese Ebene bringt, muss man sich nicht persönlich angegriffen fühlen.




