Die Geschichte hat dem heiligen Benedikt Großes auf die Schultern geladen. Er gilt als “Vater des abendländischen Mönchtums”, als derjenige, der in finsterer Zeit als “Herold des Glaubens” die Christenheit mit Kreuz, Buch und Pflug bekehrte. Bis in die Gegenwart erfreut er sich ungebrochener Verehrung: Papst Pius X. nannte ihn eine “Säule der Kirche”, Papst Paul VI. schließlich erhob ihn 1964 zum Patron und Schutzherrn Europas. Schon der Name Benedikt schien Programm: Gregor dem Großen (590-604) zufolge war er ein “von der Gnade und vom Namen her Gesegneter (benedictus)”.
Längst ist die historische Person Benedikts von Nursia hinter dem alles überstrahlenden Heiligen zurückgetreten. Die einzige überlieferte zeitgenössische Quelle zu seinem Leben und Wirken stammt aus der Feder Papst Gregors des Großen, der in den Jahren 593-94 eine Lebensbeschreibung des Abtes von Montecassino aufzeichnete. Das zweite Buch seiner “Vier Bücher der Dialoge über die Wunder der italischen Väter” handelt allein “Über Leben und Wunder des ehrwürdigen Abtes Benedictus”. Allzu viele historische Informationen liefert das Werk freilich nicht. Gregor, der sehr unter den weltlichen Belastungen seines Amtes litt und sich nach dem kontemplativen Leben im Kloster zurücksehnte, hat mit seiner Benediktsvita nicht zuletzt für sich selbst eine Trost- und Erbauungsschrift verfaßt, die ganz der Tradition spätantiker Hagiographie verpflichtet ist. Der Autor hatte nicht im Sinn, den Lebensweg Benedikts im Detail nachzuzeichen. An ihm wollte er vielmehr “zum Lobpreis des Erlösers” ein beispielhaftes, ganz am Evangelium ausgerichtetes Leben und den Weg des Menschen zur Vollendung aufzeigen, an dessen Ende der Eingang in die Herrlichkeit Gottes steht. Wunderberichte sollten dabei Zeugnis geben von der Heiligkeit, die Gott ihm geschenkt hatte: “Er ist der Mann, erfüllt vom Geist aller Gerechten.” Orts- und Zeitangaben flossen hingegen nur spärlich in das Werk ein. Benedikts göttliches Wirken erfolgte fast gänzlich außerhalb von Zeit und Raum. Dennoch lassen sich mit Hilfe der mageren Angaben in seiner Vita die wichtigsten Stationen seines Lebens grob nachskizzieren: Benedikt wurde vermutlich um 480 in der Gegend von Nursia (dem heutigen Norcia) im umbrischen Apennin als Sohn freier Eltern geboren. Sein Studium in Rom brach er bald ab, um sich ganz dem mönchischen Leben und der Nachfolge Christi zu widmen. Zunächst suchte er die Einsamkeit der Sabiner Berge bei Enfide (Affile). Anschließend lebte er als Einsiedler in einer Höhle bei Subiaco im Aniotal, bis er als Abt in ein benachbartes Kloster gerufen wurde. Nach einem Giftanschlag seiner Neider zog er sich von dort erneut in die Einöde zurück, bevor er in Subiaco eine Siedlung mit zwölf Klöstern unter je einem Abt errichtete. Ermüdet von den feindlichen Nachstellungen des Ortsklerikers Florentinus, zog er erneut fort. Um 530 fanden Benedikt und einige Anhänger ihre neue Wohnstätte auf dem Monte Cassino. Dort errichtete er ein Kloster sowie zwei kleine Kirchen zu Ehren des hl. Martin und Johannes des Täufers. Spätestens um 560 starb er dort und wurde in der Johanneskirche beigesetzt.




