Geht es um das maximale Fortbewegungstempo, sind Menschen größeren Säugetieren hoffnungslos unterlegen. Pferde schaffen 70 und Geparden sogar 110 Kilometer pro Stunde. Geradezu kümmerlich sind da die maximal 44 des Menschen! Und das ist sogar schon der Sprintweltrekord. Doch so bescheiden die menschliche Schnelligkeit ist, so überragend ist seine Ausdauer. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern der Universität im britischen Manchester waren die Kutschen historischer Postdienste mit etwa 20 Kilometern pro Stunde unterwegs. Das jedoch nur, sofern die Pferde nach jeweils 25 Kilometern immer wieder gegen ausgeruhte ausgetauscht wurden. Heutige Spitzenmarathonläufer kommen bei gleichem Tempo doppelt so weit. Derartige Distanzen kommen im Tierreich aber so gut wie nie vor. Nicht einmal Gnus legen bei ihren Massenwanderungen durch die Serengeti mehr als 20 Kilometer am Tag zurück – das wäre weniger als ein Halbmarathon. „Wir könnten andere Säuger zu Tode rennen“, erklärt dazu einer der britischen Forscher und fügt lächelnd an: „Deshalb müsste es eigentlich heißen: Ein Pferd kann rennen wie ein Mensch – nicht andersherum.“
Das war aber wohl nicht immer so. Skelettuntersuchungen an unserem vor rund drei Millionen Jahren lebenden Urahn Australopithecus sowie die Vermessung seiner Fußspuren ergaben, dass er ohne Pausen allenfalls kurze Strecken zurücklegen konnte. Insgesamt ist die Tatsache, dass der Mensch heute derart kräftesparend und damit ausdauernd laufen kann, das Ergebnis einer Evolution über Millionen von Jahren. In deren Verlauf – auch das belegen Knochenuntersuchungen fossiler Skelette – wurden Rumpf und Arme kürzer, die Beine dagegen deutlich länger. Dadurch verdoppelte sich die Schrittlänge fast. Und während der Fersenknochen immer größer wurde, was ein sanfteres Aufsetzen des Fußes erlaubte, schrumpften die Zehen. Das erleichterte maßgeblich das Abrollen beim Gehen. All das deutet darauf hin, dass der Mensch nur ganz allmählich zum Ausdauerläufer geworden ist. Denn erst bei längerem Rennen sparen Sehnen und Fußwölbung ein Maximum an Kraft ein und halbieren den Energieverbrauch. Auch die im Lauf der Zeit größer werdende Gesäßmuskulatur ergibt in diesem Zusammenhang einen tieferen Sinn.
Warum unsere Vorfahren läuferisch immer ausdauernder wurden, können Forscher nur vermuten. Möglicherweise optimierten sie so ihre Jagdstrategie. Schließlich sind Hunde und Menschen die einzigen Säuger, die in der Lage sind, ihre Beute zu Tode zu hetzen. Biologen wenden jedoch ein, derartige Jagden seien für die Steinzeitmenschen mit ihrer unzuverlässigen Nahrungsversorgung viel zu energieaufwendig gewesen, zumal dabei ein Erfolg keineswegs garantiert war. Sie glauben eher, dass unsere Urahnen rannten, um vor anderen Fleischfressern, also Nahrungskonkurrenten, an einem verendeten Tier anzukommen. Wie dem auch sei, einig sind sich die Experten, dass der Dauerlauf in Ostafrika entstanden ist, nachdem sich die Savanne dort ausgebreitet hatte und der frühe Mensch lange Strecken zu Fuß zurücklegen musste. Nicht weit entfernt von der Wiege der Menschheit liegt also die Wiege des Dauerlaufs.





