von JUDITH RAUCH
Am 20. Juli 2022 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag des Genetik-Pioniers Gregor Mendel. Zum Jubiläum haben sich seine wissenschaftlichen Erben so manches ausgedacht: Bereits am 4. April wurde in Wien die „größte aufblasbare Erbse der Welt“ präsentiert. Mit sieben Meter Durchmesser erinnerte der grüne Luftballon an Mendels Kreuzungsexperimente mit Gartenerbsen und warb gleichzeitig für ein wissenschaftliches Symposium am Institut für Bodenkunde, das Mendels Bedeutung für die angewandten Wissenschaften beleuchtete.
Schade, dass der Geehrte all das nicht mehr erleben kann! Er würde sich über die ungewohnte Popularität seiner Forschertätigkeit sicher freuen. Denn zu Lebzeiten kam er sich doch manchmal unverstanden vor. Etwa nachdem er seine zentrale Forschungsarbeit „Versuche über Pflanzenhybriden“, die 1866 in einer wissenschaftlichen Verbandszeitschrift erschienen war, als Sonderdrucke an Biologen in ganz Europa verschickt hatte – und kaum Resonanz darauf bekam. Erst im Jahr 1900, also 16 Jahre nach Mendels Tod, wurde sein Erbsen-Experiment wiederentdeckt – von drei Biologen gleichzeitig. Sie leiteten die „Mendelschen Vererbungsregeln“ daraus ab, die heute Abiturwissen sind.
Forschung im Kloster
Doch warum blühte diese frühe Blüte der Genetik so lange im Verborgenen? Wer mit Mendels Biografie nur oberflächlich vertraut ist, könnte glauben, hier wäre ein frommer Mann abseits des wissenschaftlichen Mainstreams als Hobbygärtner und Blumenzüchter mehr oder weniger zufällig zu sensationellen Ergebnissen gekommen. Oder die Kirche habe seine Erkenntnisse unterdrückt, weil sie allzu viel Nähe zur gerade erst aufkommenden Evolutionslehre des Engländers Charles Darwin aufwiesen, der sein Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ 1859 veröffentlicht hatte. Doch das wäre allenfalls die halbe Wahrheit.
Denn 1859 arbeitete Gregor Mendel bereits seit fünf Jahren an der Erbsenzucht, hatte ein umfangreiches Forschungsprogramm ausgearbeitet und erntete schon die Samen seiner dritten Kreuzungsgeneration. Insgesamt, so haben Wissenschaftshistoriker ausgerechnet, gewann er aus 355 künstlichen Befruchtungen 12.980 Pflanzenmischlinge (Hybriden) und kultivierte innerhalb von acht Jahren schätzungsweise 28.000 Erbsenpflanzen. Sein Abt am Augustinerkloster St. Thomas in Brünn (dem heutigen Brno, Tschechien), Cyrill Napp, unterstützte ihn dabei voll und ganz. Er hatte sogar ein neues Gewächshaus eigens für Mendels Forschungen bauen lassen, die keineswegs nur ein Hobby waren.
Was war das für ein eigenartiges Kloster? Und was für ein eigenartiger Mönch? Der Reihe nach: Brünn, die historische Hauptstadt Mährens, entwickelte sich im 19. Jahrhundert vom landwirtschaftlichen Zentrum zur Industriestadt, und das Kloster war mit seiner Brauerei und Textilproduktion der größte Wirtschaftsbetrieb der Stadt. Abt Napp, der zur deutschsprachigen Elite der Stadt gehörte, war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Vereinigungen, darunter auch der örtliche Verein der „Freunde, Kenner und Beförderer der Schafzucht“. Schon 1837 hatte er auf einer Schafzüchter-Versammlung gefordert, es müsse endlich wissenschaftlich geklärt werden, „was vererbt wird und wie“. Napp galt als unabhängiger Denker, und er führte sein Kloster „wie eine Universität“. So beschreibt es die Mendel-Biografin Robin Marantz Henig in ihrem Buch „Der Mönch im Garten“. Viele der Mönche unterrichteten an Gymnasien der Region, auch Naturwissenschaften.





