von KURT DE SWAAF
Auf der Aussichtsplattform von Gioia Vecchio eröffnet sich in knapp 1.400 Meter Höhe der Blick auf die wunderschöne Berglandschaft des „Parco Nazionale D’Abruzzo, Lazio e Molise“, Italiens zweitältesten Nationalpark. Das dazugehörige Dörfchen beherbergt längst keine Ortsansässigen mehr. Die Häuser werden nur noch als Feriendomizile genutzt, denn Rom ist gerade einmal zwei Autostunden entfernt. So, wie viele der Regionen Südeuropas, wurde auch dieses Gebiet schwer von der Landflucht getroffen.
Der Natur indes hat die Entvölkerung neue Perspektiven eröffnet. Sie erobert das vormals bewirtschaftete Tal wieder, die Wildnis kehrt zurück. Wo einst Weiden und Heuwiesen waren, gedeiht jetzt eine halb offene Buschlandschaft. Bäume, Sträucher und wildblumengespickte Grasflächen wechseln einander ab. Dieser mosaikartige Bewuchs ist das Werk großer Pflanzenfresser und ein Hort der Biodiversität, wie der Forstwissenschaftler und Nationalparkdirektor Luciano Sammarone erklärt. Zum Teil grasen hier oben noch Kühe und Pferde, aber es gibt auch reichlich wilde Herbivoren, sprich Rehe, Rothirsche und die seltenen Abruzzen-Gämsen. Wölfe kommen ebenfalls vor. Mit ganz viel Glück lässt sich sogar der größte Bewohner des Gebirges blicken: der Apennin-Braunbär.
Gerade noch gerettet?
Die Tatsache, dass man mitten in Italien Bären in freier Wildbahn begegnen kann, ist anderswo in Europa kaum bekannt. Bei Zoologen gelten die bis zu 200 Kilogramm schweren Vierbeiner mit dem wissenschaftlichen Namen Ursus arctos marsicanus als eine eigenständige Unterart des auf der nördlichen Hemisphäre weit verbreiteten Braunbären. Aktuellen Schätzungen zufolge dürfte es von der zentralitalienischen Subspezies noch etwa 60 wild lebende Exemplare geben – mutterabhängige Jungtiere nicht miteingerechnet. Die internationale Naturschutzorganisation IUCN stuft den Apennin-Braunbären deshalb zu Recht als „vom Aussterben bedroht“ ein.
Die Lage ist aber nicht hoffnungslos, wie Luciano Sammarone betont. „In den vergangenen zehn Jahren haben wir Anzeichen einer Verbesserung der Populationsgröße gesehen.“ Nicht nur der Bärenschwund wurde vorerst wohl gestoppt, nun scheint sogar eine langsame Bestandserholung einzusetzen. Die Braunpelze breiten sich zudem wieder in Nachbarregionen aus. Mittlerweile haben die ersten von ihnen die über 100 Kilometer entfernten Monti Sibillini nördlich des Abruzzen-Nationalparks erreicht.
Zu verdanken ist diese Trendwende dem unermüdlichen Einsatz von Fachleuten und Freiwilligen. Allein der gesetzliche Schutz reicht nämlich nicht aus. Ursus arctos marsicanus bleibt weiterhin von verschiedenen Gefahren bedroht. Nur 20 Prozent der Sterblichkeit lassen sich dabei nachweisbar auf natürliche Todesursachen zurückführen, erklärt Sammarone. Das heißt: Vier Fünftel der Apennin-Braunbären kommen durch menschliche Einwirkung ums Leben. Sie fallen dem Verkehr zum Opfer, werden illegal erschossen oder vergiftet. Die Täter sind meistens Viehhalter oder Trüffelsuchende. Sie legen Giftköder aus und töten so wahllos fleischfressende Tiere, darunter Wölfe, Gänsegeier und eben auch Bären. Trüffelsuchende haben es dabei eigentlich auf die Spürhunde der Konkurrenz abgesehen.





