Stundenlang harrten die Menschen geduldig in langen Schlangen vor den Wahllokalen aus, dennoch war die Stimmung an diesem 27. April 1994 entspannt und gelöst. Schwarze und Weiße, Männer und Frauen, Arme und Reiche schickten sich an, die Apartheid, die jahrzehntelang das Zusammenleben der Menschen vergällt und vergiftet hatte, zu beenden. Das Land atmete auf, nicht nur, weil die Politik der Rassentrennung abgeschafft wurde, sondern weil die Wahl so friedlich verlief. Dabei hatte in den vorangegangenen Wochen nur wenig darauf hingedeutet, dass es zu einer auch im Ablauf demokratischen Wahl kommen könnte. Doch das Wunder Südafrikas wurde wahr, und das Bild der wartenden Menschen setzte sich in der Erinnerung an jene Jahre der Überraschung, der Euphorie und des atemberaubenden Wandels ebenso fest wie die Bilder beim Fall der Berliner Mauer.
Mit der Überwindung der europäischen Teilung war das Ende der Apartheid auch kausal eng verknüpft, denn beides war erst möglich geworden durch die Politik der Perestroika und die breite Welle weltweiter Demokratiebewegungen, die sie auslöste. Der gesamte afrikanische Kontinent verlangte in den frühen 1990er Jahren nach Demokratie, die Menschen wollten den zahlreichen Diktaturen, Militärregimen und korrupten Staatseliten ein Ende setzen. In kaum einem Land war das Ende eines Regimes ein so spektakulärer Triumph der Demokratie wie in Südafrika, das nach fast einem halben Jahrhundert der Rassentrennung und internationalen Isolation in die Weltgemeinschaft zurückkehrte.
1948 hatte die Nationale Partei, die Partei der weißen Afrikaaner (Buren), nach einem überraschenden Wahlsieg begonnen, die bereits existierenden rassistischen Gesetze zu verschärfen und eine umfassende Rassentrennungspolitik einzuführen, die sie Apartheid (Getrenntheit) nannte. Mit der Politik der „Homelands“ strebte sie sogar eine territoriale und staatliche Trennung an, wobei diese angeblichen „Heimatländer“ ganze 13 Prozent des Territoriums ausmachten.
Ziel der Apartheid-Regierung war es, letztlich alle Homelands in die Unabhängigkeit zu entlassen, so dass die schwarzen Stadtbewohner zwar weiterhin dort wohnen konnten, ihr Status sich aber in denjenigen von Ausländern verwandelt hätte. Sie wären „Gastarbeiter“ im eigenen Land geworden. Auf diese Weise sollte der Nachschub billiger Arbeitskräfte für die südafrikanische Wirtschaft gesichert werden. Dem diente auch die „Bantu Education“, die Afrikanern eine Minimalbildung vermitteln sollte, ihnen aber Chancen auf beruflichen Aufstieg verwehrte. Als am 16. Juni 1976 die Schüler mehrerer Sekundarschulen in Soweto (South Western Township), einer riesigen Schlafstadt für Schwarze außerhalb Johannesburgs, demonstrierten, richtete sich ihr Protest gegen das Bildungssystem und die unzumutbaren sozialen Bedingungen, unter denen sie lebten. Der in den 1980er Jahren sich beschleunigende Niedergang der Wirtschaft und die steigenden Arbeitslosenzahlen förderten den Widerstand.




