Von ROLF HEßBRÜGGE
Hallstatt im Salzkammergut: Die österreichische Postkarten-Idylle lockt bis zu einer Million Touristen pro Jahr hierher, vor allem aus Fernost. Neben den malerischen Altstadthäusern, die wie Kuckucksuhren am felsigen Steilufer des Hallstätter Sees hängen, lädt auch das älteste Salzbergwerk der Welt zur Besichtigung: Bereits um 5000 v.Chr. begannen die Menschen hier mit dem Salzabbau. Noch heute werden in Hallstatt rund eine Million Kubikmeter hochkonzentrierter Sole pro Jahr gewonnen, aus denen anschließend etwa 300 000 Tonnen Salz produziert werden. Zusatzstoffe wie Kaliumchlorid, Calciumcarbonat oder Kieselsäure sorgen dafür, dass das von Natur aus klumpige Salz streufein auf Tomate oder Frühstücksei rieselt.
Salz galt lange als rares Gut, weil man die meist unterirdischen Vorkommen entweder nicht kannte oder kaum erschließen konnte. Das „weiße Gold“ wurde zeitweise in echtem Gold aufgewogen. Dabei sind die heute bekannten Salzstöcke schier unerschöpflich. Geologen schätzen die Vorkommen in aller Welt auf rund 100 Billionen Tonnen. Zum Vergleich: Pro Jahr werden nur etwa 250 Millionen Tonnen für den menschlichen Verbrauch abgebaut. Der Vorrat reicht also für weitere 400 000 Jahre. Als „stille“ Reserve gibt es zudem das Salz in den Meeren, wo sich etwa 400-mal so viel „weißes Gold“ befindet wie in allen Salzstöcken zusammen, also rund 40 Billiarden Tonnen. Würde man alles Salz aus den Ozeanen extrahieren, könnte man damit das gesamte Festland der Erde mit einer 150 Meter dicken weißen Kruste überziehen.
Ursprünglich stammt natürlich auch das „weiße Gold“ in den Salzstöcken von Hallstatt, Bayern, Niedersachsen oder andernorts aus dem Meer. Im Laufe der Erdgeschichte mutierten beträchtliche Teile des Urmeeres durch neu entstandene Landzungen zu Binnenmeeren. Ohne nennenswerte Zuflüsse verdunstete ihr Wasser allmählich, und die enthaltenen Salze lagerten sich schichtweise am Grund ab: ganz unten Kalk, dann Gips und zuoberst jenes Natriumchlorid, das uns heute als Speisesalz dient. War ein Binnenmeer komplett ausgetrocknet, wurde das abgelagerte Salz mit Sand, Tonerde oder anderen Partikeln zugeweht. In Hallstatt schob sich vor rund 120 Millionen Jahren obendrein die Dachstein-Kalkplatte darüber. Unter diesem kolossalen Druck formierte sich jener Salzstock, den man heute im Museums-Bergwerk „Salzwelten“ bestaunen kann.
Salz lässt sich auch direkt aus dem Meer gewinnen – zum Beispiel auf Mallorca. In den Salines de Llevant im heißen Süden der Insel wird alljährlich im Herbst geerntet: Zuvor werden künstlich angelegte flache Becken in Küstennähe über Pumpen mit Meerwasser gefüllt. Im Frühjahr und im Sommer verdunstet das Wasser und lässt eine dicke Salzkruste zurück. Im Herbst wird das Salz eingeholt und das Restwasser herausgepresst. Schon zur Römerzeit wurde auf diese Weise Speisesalz gewonnen, statt Pumpen füllte damals der Wind die Salinen. Die Jahresernte in den Salines de Llevant beträgt etwa 10 000 Tonnen. Besonders begehrt ist das „Flor de Sal“: Das an Eiskristalle erinnernde Salz aus der obersten Schicht wird per Hand geerntet und eignet sich zum effektvollen Bestreuen von gegrilltem Fisch oder gebratenen Mini-Paprika-Schoten (Pimientos). Geschätzt wird etwa ein Drittel des Gesamtverbrauchs an Salz heute aus dem Meer gewonnen.





