In einer Darstellung solchen Zuschnitts kommt das politische Handeln der bedeutendsten Herrscher von den Merowingern bis zu den Habsburgern und Wittelsbachern natürlich nicht zu kurz; aber Weinfurters Blick gilt auch der Entwicklung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse; jeweils eingeschobene Zwischenkapitel liefern in gebotener Kürze Alltags-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte.
Der Wandel in Reichs- und Ordnungsvorstellungen, im Verhältnis zwischen Königtum und Kirche oder zwischen König und Fürsten zieht sich als roter Faden durch die verschiedenen Zeiten und erlaubt vertiefte Einsichten in Herrschaftspraxis und Lebens-welten der mittelalterlichen Gesellschaft. Rationalisierungs- und Differenzierungsprozesse, etwa die langsame Emanzipation der weltlichen Autorität von kirchlicher Legitimation, kommen ebenso zur Sprache wie verschiedene Frömmigkeitsformen und die periodisch wiederkehrenden Wellen der Kirchenreform.
Die Erfahrung der deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts sowie die aktuelle Suche nach einer das Nationale übersteigenden europäischen Ordnung sensibilisieren außerdem für überraschend „moderne“ Züge im früher vielgescholtenen „Monstrum“ des mittelalterlichen Reichs, etwa die „Goldene Bulle“ von 1356, in der nicht etwa der Grundsatz zentralistischer Herrschaft verankert wurde, sondern vielmehr ein kollegiales Prinzip, das König und Stände als Haupt und Glieder des Reichs einander zuordnete. Und die Völkervielfalt im Reich war damals so selbstverständlich, dass die Kurfürsten gehalten waren, nicht nur Deutsch, sondern auch Lateinisch, Italienisch und Tschechisch sprechen zu können. Das Buch schließt mit einem Ausblick auf die nationalen Impulse im Denken der Humanisten und am Hof Maximilians I., an dem bereits die Vorstellung vom französischen „Erbfeind“ aufgebracht wurde; dieser nationale Überschwang markiert den Übergang zu einer Neuzeit, die bekanntlich durchaus ihre finsteren Seiten hat.
Rezension: Görich, Knut




