Man kann die Gültigkeit an Beispielen nachprüfen. Die berühmte Avogadro-Zahl, die angibt, wie viele Moleküle sich in einem bestimmten Volumen befinden, stammt tatsächlich nicht von dem Italiener Amadeo Avogadro, sondern von dem Österreicher Johann Josef Loschmidt. Die Idee einer kopernikanischen Wende der Metaphysik ist ein Vorschlag von Immanuel Kant, und er bezieht sich dabei nicht auf den Himmel, sondern auf das Denken, indem er sagt, dass die Menschen die Gesetze der Natur nicht in ihr finden, sondern sie ihr vorschreiben. Das Turing-Theorem, demzufolge jede Aufgabe von einem Computer gelöst werden kann, wenn nur genug Rechenzeit und Speicherkapazität vorhanden ist, hat nicht der britische Mathematiker Alan Turing, sondern sein Kollege Alonzo Church aufgestellt. Die Mendelʼschen Gesetze der Vererbung stammen weder aus dem 19. Jahrhundert noch von dem Augustinermönch, sondern erst Genetiker wie Carl Correns und Hugo de Vries haben sie im 20. Jahrhundert formuliert. Den Halleyʼschen Kometen kannte man bereits seit Jahrhunderten, als Edmund Halley – ein Zeitgenosse Newtons – ihn beobachtete und beschrieb. Das Bohrʼsche Atommodel mit seinem von Elektronen umrundeten Kern hat zuerst der Neuseeländer Ernest Rutherford vorgeschlagen und nicht der Däne Niels Bohr, der um 1912 bei Rutherford arbeitete. Die berühmte Corioliskraft, die sich auf drehenden Oberflächen (etwa der Erde) beobachten lässt, ist nicht von dem französischen Mathematiker Gaspard Gustave de Coriolis erfasst worden, sondern geht vielmehr auf den vielseitigen amerikanischen Autodidakten William Ferrel zurück, der sie bereits im 19. Jahrhundert entdeckt hat. Die berühmte Formel S = k · log W, in der die thermodynamische Größe der Entropie S mit einer Wahrscheinlichkeit W von Molekülverteilungen verknüpft wird, steht zwar auf dem Grabstein von Ludwig Boltzmann, sie stammt aber von Max Planck, der so freundlich war, der Konstanten k den Namen des Wiener Physikers zu geben. Max Planck verdankt die Menschheit auch den Beweis für die berühmteste Formel der Welt, nämlich E = m c2. Normalerweise denkt man dabei an Albert Einstein, aber zum einen steht in dessen Originalarbeit von 1905 das Umgekehrte, nämlich m = E / c2, und zum anderen hat Einstein diesen Zusammenhang in seiner Darstellung mehr vorausgesetzt und weniger hergeleitet.
Kaum zu glauben, wie wenig Wissenschaftsgeschichte zur Kenntnis genommen und erkundet wird, nicht zuletzt in Hinblick auf die Fragen, welchen Personen sie zu verdanken ist und wie die Namen zustande kommen, die in den Lehrbüchern stehen.





