Raumsonden enthüllen die Landschaften des Alls. Dadurch hat sich unser Bild vom Sonnensystem vor allem in den letzten gut zehn Jahren wesentlich erweitert und verbessert. Geburtshelfer war die amerikanische Raumsonde Voyager 2. Nach spektakulären Aufnahmen aus der Planetenwelt von Jupiter und Saturn inspizierte die Raumsonde Ende Januar 1986 als erste den Planeten Uranus aus der Nähe. Anhand der Meßdaten konnte endlich die Rotationsdauer des erst 1781 von Wilhelm Herschel entdeckten Planeten zuverlässig bestimmt werden: Sie beträgt 17,2 Stunden.
In der Nacht zum 14. März 1986 passierte die europäische Raumsonde Giotto den Kern des Kometen Halley in weniger als 600 Kilometer Entfernung, untersuchte die Zusammensetzung der Gas- und Staubpartikel in seiner Umgebung und ermöglichte zum ersten Mal einen direkten Blick auf den Kern eines Kometen.
Aus den detailreichen Bildern des “schmutzigen Schneeballs” wissen wir, daß wegen seiner auffallend dunklen Oberfläche Halley eigentlich “Dunkley” heißen müßte – wie Horst-Uwe Keller, Leiter des Giotto-Imaging-Teams, schmunzelnd seine Überraschung ausdrückte, als die Sonde beim Rendezvous mit Halley im März 1986 das neue Bild der Kometen lieferte: Nicht ein schneeweißer, sondern ein dunkler Brocken steckt in seinem Innern. Die Analyse der Gas- und Staubteilchen lieferte bald eine Erklärung für die fast pechschwarze Kruste des kosmischen Schneeballs: Sie enthielten auffallend viele komplexe Kohlenwasserstoff-Verbindungen.
Auch der letzte Rendezvous-Termin von Voyager 2 mit Neptun sorgte für Überraschungen: Als sich die Sonde im Sommer 1989 dem derzeit sonnenfernsten Planeten näherte (bis 1999 ist Pluto näher an der Sonne als Neptun), fand sie ein System aus mehreren vollständig geschlossenen Ringen – Beobachtungen von der Erde aus hatten zuvor den Eindruck von bloßen Ringbögen, sogenannten Arclets, erweckt.
Auch im inneren Sonnensystem sind die Planetenforscher in den letzten zehn Jahren schlauer geworden. So hat die im Mai 1989 gestartete Venussonde Magellan mit ihrem hochauflösenden Radarsystem ab August 1990 über mehrere Jahre hinweg die von Wolken verhangene, rund 470 Grad heiße Oberfläche unseres inneren Nachbarplaneten kartiert. Seither wissen wir, daß auch die Venus in der Vergangenheit Phasen verstärkter vulkanischer Aktivitäten erlebt hat: Wie auf der Erde dringt bei ihr aus einer heißen Kernregion immer wieder flüssiges Gestein auf, das als Lava ausfließt.
Der sonnennächste Planet Merkur überraschte mit einer Kuriosität: Völlig unerwartet entdeckten Radarastronomen Hinweise auf Wassereis an seiner Oberfläche. Das erscheint paradox – immerhin steigt die Temperatur auf Merkur um die Mittagszeit bis auf 430 Grad Celsius. Dennoch kann sich auf dem Planeten Eis halten: nahe an den Polen in tiefen Kratern, die nie ein Sonnenstrahl erwärmt. In diesen Kältefallen könnte sich Wasserdampf aus einer temporären Merkuratmosphäre als Eis niederschlagen – und solche flüchtigen Gaswolken sind beim Aufprall von Kometenkernen auf die Merkuroberfläche gar nicht zu vermeiden.
Diese Beobachtung weckte den Verdacht, daß Eis in Kratern auch an den Polen unseres Mondes existieren könnte. 1994 wurde mit der Mini-Mondsonde Clementine gezielt danach gesucht – allem Anschein nach mit Erfolg (s. bdw-Highlight “Wasser auf dem Mond Noch größer allerdings waren die Atompilz-ähnlichen Gas- und Staubwolken, die nach dem Aufprall der Trümmer vom Kometen Shoemaker-Levy-9 im Juli 1994 über der Jupiteratmosphäre auftauchten. Selbst Amateur-Teleskope konnten das Leuchten beim Eintritt in die Atmosphäre und die dunklen Flecken erkennen, die von dieser kosmischen Katastrophe zeugten: Insgesamt rund zwei Dutzend Brocken mit einem Durchmesser von manchmal einigen hundert Metern waren auf den größten Planeten des Sonnensystems gestürzt. Inzwischen steht Jupiter erneut im Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses, denn die amerikanische Raumsonde Galileo liefert fast täglich neue Bilder von ihm und seinen Monden. Sie umkreist den Riesenplaneten seit über einem Jahr und ist mittlerweile viermal in geringer Entfernung an einem seiner Monde vorbeigezogen.
Die Detailfülle der Bilder, die teilweise Einzelheiten von nur 50 Meter Durchmesser zeigen, birgt manche Überraschung für die Forscher. So verrieten Aufnahmen des Jupitermondes Europa, daß dessen Eiskruste an vielen Stellen zerbrochen ist und die Eisschollen wohl auseinandergedriftet sind – ein Hinweis darauf, daß unter dem Eis ein Ozean aus flüssigem Wasser existiert. So konnten die Wissenschaftler erstmals umfassende Daten über den Zustand des Sonnenwindes sammeln, einer ständig von der Sonne abdriftenden Teilchenströmung. Dank Ulysses wissen die Forscher heute, daß die Strömung im äquatornahen Bereich des Sonnenwindes durch Störungen im Sonnenmagnetfeld stark gebremst wird. Über den Polgebieten sind die Geschwindigkeiten wesentlich höher: 750 Kilometer pro Sekunde und mehr. Gleichzeitig herrscht dort ein viel höherer Druck im dünnen Gas. Entsprechend ist zu erwarten, daß die sogenannte Heliosphäre – der Einflußbereich des Sonnenwindes – über den Sonnenpolen wesentlich weiter hinausreicht als in der Äquatorebene Für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit sorgte schließlich die Meldung vom Sommer vergangenen Jahres: Amerikanische Forscher hatten im Dienste der NASA in einem Meteoriten Spuren möglicher früherer Lebensformen auf dem Mars gefunden. Allerdings stellte sich auf Nachfragen von Kongreßabgeordneten heraus, daß die Interpretation der “Beweise” als zunächst noch recht vorläufig angesehen werden muß.
Es dauert wohl noch ein bis zwei Jahre, bis mehr Klarheit herrscht. Immerhin setzt die NASA derzeit voll auf den Mars als nächstes Ziel der Planetenforschung, denn sie plant, bis zum Jahr 2003 eine ganze Serie von Sonden dorthin zu entsenden, die auch Proben vom Marsboden zur Erde bringen sollen (s. bdw-Highlight “Aufbruch zum Mars”). So präsentiert sich unser Sonnensystem heute größer und stürmischer, aber auch gefährlicher und – vielleicht – lebendiger als noch Mitte der achtziger Jahre.
Hermann-Michael Hahn





