Auf der Grundlage vieler eigener Einzelforschungen kreiert er auf 600 Seiten sein anderes Mittelalter, eine Welt des Wissen-Wollens und der Innovationsbereitschaft, der intellektuellen Neugier und der konsequenten Zukunftsorientierung aus apokalyptischen Ängsten heraus. Gewiss – auch die Anfechtungen werden nicht ganz verleugnet, das Barbarische, das Menschenverachtende, das Enge. Doch im Kern geht es um den „Weg in die Welt“, denn das Mittelalter dieses wichtigen Buchs „war Aufbruch und Fortschreiten zur Moderne“.
Fried beeindruckt mit der Freude zur Auswahl wie der Kraft zur Synthese gleichermaßen. Er verblüfft durch originelle Deutungen, deren Aktualitätsbezug dem Mittelalter durchgängige Frische verleiht. Das ist ein Buch, gut zum Lesen! Wie kein anderer spürt der Autor der Macht des Wissens und dem Reiz an der Wissenschaft nach, von der Boe-thius-Rezeption des früheren Mittelalters bis zu den intellektuellen Grenzüberschreitungen an der traditionellen Epochenschwelle um 1500.
Kaum eine Kultur in der Welt – so die Klage – habe ihre Vergangenheit als Mittelalter so sehr diffamiert wie die europäische. Das mag nachträgliche Sympathie rechtfertigen und historische Deutungskartelle entlarven. Mit der Ausgrenzung des Mittelalters ging indes auch das „Glück“ des europäischen Fortschrittsenthusiasmus bis zur Gegenwart einher. Fried holt sein Mittelalter mit diesen Folgewirkungen wieder in unsere globalisierte Welt hinein. Doch bei solcher Aktualität wünscht man sich manchmal auch das völlig Andersartige des Mittelalters jenseits der Geradlinigkeit zurück. Bräuchten die Europäer heute statt ihrer Vorgeschichten nicht eher historische Alternativen?
Rezension: Schneidmüller, Bernd




