Als Servet mitsamt seinem Buch aufgezehrt wurde, verspürte der Genfer Reformator Johannes Calvin Genugtuung. Wieder war es ihm gelungen, die Ehre Gottes rein zu halten. Denn der humanistisch gebildete Spanier Servet hatte – wohlbegründet – die Dreieinigkeit Gottes geleugnet. Die Reaktionen auf die Hinrichtung Servets fielen unterschiedlich aus. Viel Beifall bekam Calvin, auch von namhaften Reformatoren anderer Städte. Aber es regte sich auch Widerstand gegen den schroffen Umgang der Protestanten mit Ketzern. Am eindrücklichsten erhob der Basler Humanist Sebastian Castellio die Stimme. Entrüstet stellte der ehemalige Mitstreiter Calvins fest, die Protestanten seien in dieser Frage keinen Deut besser als die römische Inquisition.
Leidenschaftlich plädierte er dafür, auch die evangelischen Christen mögen doch bitte die „Sanftmut Christi“ befolgen. Theologisch versiert widerlegte er die biblischen Argumente Calvins. Und er stellte Stimmen aus der Kirchengeschichte zusammen, die sich gegen die Todesstrafe für Ketzer ausgesprochen hatten. „Von Ketzern und ob man sie verfolgen soll“, nannte Castellio sein epochemachendes Buch. Der Tenor: Christen mögen sich doch bei dieser Frage an Jesu Gleichnis vom Unkraut orientieren. Am Ende der Zeiten werde Spreu vom Weizen getrennt, die Menschen müssten dem Urteil Gottes nicht vorgreifen. Denn „einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten“. Castellio wurde zum Wegbereiter christlicher Toleranz.
Erschreckend, dass er bis heute in den evangelischen Kirchen unbekannter ist als der „große“ Theologe Calvin. Dem könnte diese Textsammlung zumindest ein wenig abhelfen. Erstmals erscheint mit ihr Castellios Hauptwerk in deutscher Sprache – ein „Manifest der Toleranz“. Eine kluge Auswahl weiterer Texte macht das Buch zu einem bewegenden Dokument der Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Ein Abschnitt aus Stefan Zweigs 1936 erschienenem Roman „Castellio gegen Calvin“ ist zu lesen. Auszüge aus der Castellio-Biographie Hans R. Guggisbergs folgen, ebenso eine „Kleine Ketzerkunde“. Die liebevolle Aufmachung, von der Gestaltung bis zur Papierauswahl, macht das Buch zu einer bibliophilen Kostbarkeit.
Rezension: Uwe Birnstein




