Gibbons rufen lautstark, um ihr Revier abzugrenzen. Weibchen und Männchen koordinieren ihren Gesang dabei oft zu einem Duett. Das Lied dieser mit Schimpanse, Gorilla und Orang-Utan verwandten Affen erklingt in Südostasien – und im Zoo. Thomas Geissmann vom Institut für Zoologie der Tierärztlichen Hochschule in Hannover hat genau hingehört und dabei eine neue Gibbonart entdeckt.
Er verglich die auf Tonband aufgenommenen Gibbonlaute aus europäischen, asiatischen und amerikanischen Zoos mit denen von freilebenden Tieren im südlichen Vietnam, im Südwesten Chinas und auf der chinesischen Insel Hainan. Dabei fiel ihm auf, daß ein Gibbonweibchen im Tierpark Berlin völlig anders rief als die bekannten Arten. Sonagramme, die die Rufe optisch sichtbar machten, bestätigten seinen Eindruck.
Geissmann studierte ausgestopfte Gibbons und stellte fest, daß sich deren Fellzeichnung von dem des Berliner Exemplars unterschied. Deshalb machte er sich auf die Suche nach freilebenden Artgenossen: In einem kleinen Regenwaldstück auf der chinesischen Insel Hainan entdeckte er Gibbons mit der charakteristischen Fellzeich- nung, deren Rufe denen des Berliner Gibbonweibchens gleichen.
Zoologen entdecken mit neuen Untersuchungsmethoden zur Zeit häufiger neue Tierarten, die zuvor mit einer anderen unter einem Namen vereint waren.
Denn die Unterschiede können für das menschliche Auge verborgen sein – und doch paaren sich diese ähnliche Formen nicht miteinander und gehören daher getrennten Arten an.
Die neue Gibbonart dürfte eine der seltensten Affenarten der Erde sein. Die auf Hainan beobachtete Gruppe umfaßt lediglich 20 Tiere. So begeistert Thomas Geissmann von der Entdeckung ist, so wenig glaubt er, daß “seine” Gibbons die nächsten Jahrzehnte überleben werden.
Matthias Glaubrecht





