Helden sind ein Konstrukt. Die Vorstellung davon, was einen „Helden“ auszeichnet, hängt von der historischen Veränderung gesellschaftlicher Wertvorstellungen ab. Deshalb sind „Helden“ umstritten, denn die Werte, die die einen loben, erscheinen anderen höchst fragwürdig. Ein weiteres Merkmal der Heldengeschichte ist, dass sie sich auf den Einzelnen fokussiert und die Masse ausblendet. Damit einher geht die Marginalisierung der Opfer sowohl auf der eigenen wie auf der gegnerischen Seite. Auch dies ist typisch, denn die zu Vorbildern stilisierten „Helden“ sollen zur Nachahmung aufrufen. Ihre „großen“ Taten sollen den Blick auf die Opfer verdecken. Nachahmung meint aber vor allem die Bereitschaft, für das eigene Land in den Krieg zu ziehen und dabei möglicherweise den „Heldentod“ zu sterben.
Das gemeinsame Merkmal des Heldentods zeichnet die vier „Helden“ aus, deren wechselvolle Verehrungsgeschichte hier beispielhaft nachgezeichnet werden soll. Es sind dies der Dichter Theodor Körner (1791 –1813) und der Turner Friedrich Friesen (1784–1814), die während der Freiheitskriege gegen Napoleon in den Reihen des Lützow’schen Freikorps dienten. Hinzu kommen der Flieger Manfred von Richthofen (1892–1918) und der U-Boot-Kapitän Otto Weddigen (188 –1915), die während des Ersten Weltkriegs in den Diensten des kaiserlichen Deutschland kämpften.
Die entscheidende Vorbedingung für die Heroisierung dieser „Helden“ wurde im frühen 19. Jahrhundert geschaffen. Zuvor, in der Zeit der Söldnerheere, waren Kriegshelden alles andere als populär gewesen. Soldaten, die für Elend und Zerstörung verantwortlich waren, konnten keine Vorbilder sein. Das änderte sich mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon und der damit verbundenen Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Nun musste der Bürger nicht nur Steuern zahlen, sondern bereit sein, für das Vaterland zu sterben. Dieser Opferbereitschaft des Bürgers zollte der preußische Staat symbolisch Tribut. Mit dem „Eisernen Kreuz“ wurde zum ersten Mal ein Orden verliehen, den jeder Soldat ungeachtet seines gesellschaftlichen Rangs erhalten konnte.
Die erste dem Bürgertum entstammende populäre Heldenfigur war der Dichter Theodor Körner, der 1813 in den Reihen des Lützow’schen Freikorps fiel. Qua Herkunft war Körner ein Mitglied der Elite des deutschen Bildungsbürgertums. Sein Vater Christian Gottfried Körner war ein enger Freund Schillers. Ihn verbanden freundschaftliche Beziehungen mit Goethe, den Schlegels und anderen Persönlichkeiten des Geisteslebens im frühen 19. Jahrhundert.
Von seinem Vater und anderen Autoren wurde Theodor Körner zur Ikone des liberalen Bürgertums stilisiert. Der 21-Jährige wurde mit den politischen Forderungen des frühen deutschen Liberalismus identifiziert. Für die Monarchen, die konservativen und militärischen Eliten avan‧cierte Körner damit zu einer herausfordernden Oppositionsfigur. Denn Körner kämpfte aus Sicht seiner bürgerlichen Verehrer nicht nur für Deutschlands äußere Freiheit, sondern auch für die politischen Bürgerrechte eines souveränen Staatsbürgers. In einem national geeinten Verfassungsstaat sollten Humanität und Geistesbildung sowie die Leistung des Einzelnen in der Bürgergesellschaft die Anerkennung in Staat und Gesellschaft begründen, nicht die adlige Geburt. Und nur im Verteidigungsfall war der Staatsbürger bereit, die Uniform anzuziehen und als Soldat zu kämpfen. Zugespitzt: Körner war ein frühes Beispiel für den Staatsbürger in Uniform und entsprach damit dem Typus des patriotisch-wehrhaften Bürgerhelden.




