Die Pforte des Krankenhauses war nicht besetzt, und im Foyer brannte nur eine Notbeleuchtung. Meine schleppenden Schritte hallten durch die Eingangshalle. Bei jedem Auftreten schoss mir der Schmerz in den Rücken. Unter dem Arm trug ich eine dicke Akte mit Bildern, entstanden in Röntgengeräten und Kernspintomografen. Der Schmerz war Monate zuvor nach einem langen Bürotag erstmals wie ein Stich in meinen Rücken gefahren – links, direkt oberhalb vom Gesäß. Seither kam er immer wieder. Bisher hatte mir kein Arzt helfen können. Jetzt war ich auf dem Weg zu Dr. Krabbe (Name geändert), den meine Hausärztin wie einen Guru angepriesen hatte.
„Guten Tag”, sagte der Arzt mit sanfter Stimme. Dr. Krabbe war ein großer Mann mit schlohweißem Haar. Er legte seine linke Hand auf mein linkes Schulterblatt, klopfte mit der rechten darauf und ließ seine Hand weiterwandern. Dann prüfte er den Kniesehnen-Reflex. Dr. Krabbe nahm sich 20 Minuten Zeit für Untersuchung und Gespräch. Immerhin. Das hatte ich vorher noch nie erlebt.
Ein paar Monate später allerdings war die ernüchternde Bilanz: Eine Packung Schmerzmittel verbraucht sowie ein Gefäß mit homöopathischen Kügelchen, zwei weitere Röntgenuntersuchungen überstanden sowie einen Kernspin – und keinerlei Besserung.
Als Rückenschmerzpatient war ich im Laufe von zehn Jahren zum Sammler von Bildern aus Röntgengeräten und Kernspintomografen geworden. Jeder Arzt schickte mich in die Röhre. Die Bilder hätten mich eigentlich aufseufzen lassen müssen: Nichts Schlimmes! Ich hatte „unspezifische Rückenschmerzen”: Es war keine Ursache zu sehen auf den Bildern. So wie mir geht es 80 Prozent aller Patienten.
Dann erlebte ich, wie bildgebende Verfahren schaden können. Ein Arzt hatte eine Kernspinaufnahme angeordnet, die neben der Lenden- auch die Brustwirbelsäule zeigen sollte. Zunächst wie immer: dort, wo ich meine Schmerzen hatte – kein Befund. Dann die Überraschung: Der Arzt tippte mit dem Kugelschreiber auf die Halswirbelsäule am oberen Ende des Bildes. „Hier oben haben Sie einen klaren Bandscheibenvorfall.” An dieser Stelle hatte ich noch nie Schmerzen gehabt! Wenn dieser Vorfall zufällig dort gewesen wäre, wo meine Schmerzen meistens auftraten, hätte ich auf dem Operationstisch landen können.
Reiner Gradinger, Professor für Orthopädie an der TU München und Ärztlicher Direktor des Klinikums rechts der Isar, über die Röntgen- und Kernspindiagnose:
Viele Patienten wollen von mir eine Zweitmeinung hören. Meistens haben sie einen Stapel Bilder dabei. In 70 Prozent der Fälle ist eine übertriebene Diagnostik mit bildgebenden Verfahren gemacht worden. Viele Ärzte schauen sich die Patienten nicht gründlich an. Wenn jemand Kreuzschmerzen hat, kommt er sofort in die Röhre. Und auf den Bildern findet sich fast immer irgend etwas. Ab einem gewissen Alter hat jeder degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule. Die Dicke der Bandscheiben geht zurück, die eine oder andere wölbt sich in Richtung Rückenmark. Dann heißt es oft: „Das, was Sie hier sehen, ist die Ursache für Ihren Schmerz. Mit einer Operation können wir das beseitigen.”
So führt die übertriebene bildgebende Diagnostik zu unnötigen und wirkungslosen Operationen, denn die Ursache für Rückenschmerzen ist nicht unbedingt auf den Bildern sichtbar. Bei drei von fünf Patienten, die sich bei mir eine zweite Meinung einholen wollen, sage ich: „Die Operation ist nicht notwendig.” Viele Ärzte stellen die falsche Diagnose, vielleicht weil sie zu wenig Erfahrung mit der konservativen Therapie haben. Es gibt heute Ärzte, die nur noch am OP-Tisch stehen. Dabei ist es ja gerade der Vorteil der Orthopädie, dass man die konservative wie die operative Therapie erlernen und beherrschen muss.
Die meisten „Vorfälle” sind gar keine, sondern nur Vorwölbungen. Das kann der Laie nicht unterscheiden. Ein Spezialist für die Wirbelsäule sollte es aber können. Operiert werden müssen nur echte Bandscheibenvorfälle, bei denen das Innere der Bandscheibe in den Wirbelkanal durchgebrochen ist und auf eine Nervenwurzel drückt. Und auch das muss man nur operieren, wenn Ausfälle wie Gefühlsstörungen, Blasenentleerungsstörungen oder Lähmungen auftreten.
Bei meiner verzweifelten Suche nach Schmerzfreiheit nahm ich meinen gesamten Lebenswandel unter die Lupe. Am Anfang die Matratze: Ich tauschte sie aus, sogar zweimal. Doch selbst die Sieben-Zonen-Kaltschaum-Matratze, gelagert auf einem Lattenrost aus 42 Multi-Federleisten, die jeweils in einer kippbaren 3er-Kautschuk-Kappe steckten, hatte keinen schmerzlindernden Effekt. Die Suche nach einer rückengerechten Liegeposition führte mich sogar ins Rotlichtmilieu. Als ich endlich ein Hotel fand, in dem ich ein Wasserbett testen konnte, landete ich in einem Zimmer, das über einer ehemaligen Strippbar lag. Aber auch die Nacht auf der schwappenden Unterlage brachte keine Besserung.
Professor Bernd Kladny, Chefarzt für Orthopädie an der Fachklinik Herzogenaurach und Ex-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, über die richtige Matratze:
Ein Patient muss ausprobieren, ob er gut liegt, und wenn das der Fall ist, sind alle Dogmen überflüssig – zum Beispiel, dass man möglichst hart liege soll. Früher hat man Menschen mit Rückenproblemen auf Türen gelegt oder auf den nackten Boden. Dann gab es Zeiten, wo ein japanischer Futon die Standardempfehlung war. Wenn eine solche Matratze Rückenschmerzen wirklich heilen könnte, hätte sie sich durchgesetzt. Das ist aber nicht der Fall. Jeder muss nach der für ihn besten Lösung suchen.
Meiner Ansicht nach ist es eine stimmige Überlegung, dass eine Matratze in Einheit mit dem Lattenrost dafür sorgen soll, dass die Wirbelsäule nicht durchhängt. Und prinzipiell ist es sinnvoll, wenn die Matratze im Bereich der Schultern und des Beckens ein bisschen mehr nachgibt. Denn wenn wir auf der Seite liegen, sind wir ja nicht völlig gerade, sondern haben dort Ausbuchtungen. Wenn die Wirbelsäule gerade liegt, können die Bandscheiben sich in der Ruhe wieder ausdehnen und Flüssigkeit sowie Nährstoffe aufnehmen. In ungünstiger Lage werden die Bandscheiben beim Schlafen unsymmetrisch zusammengedrückt. Aber ich möchte die Matratzenwahl nicht überbewerten. Die körperliche Aktivität über den Tag ist viel wichtiger für einen schmerzfreien Rücken als das Liegen in der Nacht.
Vielleicht war nicht das Liegen, sondern das Sitzen schuld? Tatort Schreibtisch: Mein Bürostuhl hatte zwar einige Möglichkeiten der Justierung, war aber schon zehn Jahre alt. Weg damit und her mit einem neuen Modell, dreimal so teuer. Es hatte eine kippbare Sitzfläche und eine dynamische Lehne – führte aber leider nicht zur Heilung. Moment, da gab es doch noch diese Sitzbälle! Im Orthopädiegeschäft warf mir der Verkäufer ein Exemplar von der Größe einer Waschmaschine zu. Zuhause platzierte ich den Sitzball vor meinem Schreibtisch. Wer schon einmal länger auf einem solchen Ding gesessen hat, weiß, wie sehr man sich nach einem einfachen Holzschemel sehnen kann. Ich erfuhr, dass so ein Ball ein Trainingsgerät ist, auf dem man ab und zu 20 Minuten sitzen sollte. Ich wechselte also ständig zwischen Bürostuhl, Ball und Stehpult. Das brachte keine Heilung, aber zumindest Besserung. Währenddessen ging meine Arzt-Odyssee weiter. Der eine jagte mir eine Schmerzmittel-Injektion in den Hintern, die andere wollte mich mit Einlagen kurieren, die meine Fußreflexzonen massierten. Ein Dritter wollte meine Nerven zwischen Gehirn und Rücken mit 60 Grad kaltem Gas taub machen. Da ergriff ich die Flucht.
Wirklich sinnvoll waren nur die Rezepte zur Krankengymnastik. Der Physiotherapeut half mir mit einer „Triggerpunktmassage”: Das Stechen und Ziehen verwandelte sich dadurch in dumpfe Schmerzen wie bei einem Bluterguss. Das war viel angenehmer als vorher, denn die „blauen Flecken” strahlten nicht aus. Anfangs zeigte mir der Physiotherapeut Dehn- und Stabilisierungsübungen. Doch ich drängte ihn, mich zu massieren. So blieb ich ein eher passiver Patient, denn gleichzeitig verbot mir ein Arzt das Joggen („gibt Schläge aufs Kreuz”) und riet mir vom Krafttraining ab („jagt den Puls kurzfristig hoch”).
Irgendwann stieß ich auf die „Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz” (www. leitlinien.de/nvl/kreuzschmerz). Die ärztlichen Fachgesellschaften beschreiben darin, wie Rückenschmerzen behandelt werden sollten – und wie nicht. Ich hatte das Gefühl, etwas aus einem anderen Universum zu lesen. In der Welt, die dort beschrieben wird, hören sich Ärzte in Ruhe die Geschichte des Patienten an. Sie fragen nach Problemen im Berufs- und Privatleben. Ein Röntgenbild verordnen sie frühestens nach sechs Wochen. Bei chronischem Schmerz ist von „einmaliger bildgebender Diagnostik” die Rede. Da saß ich nun, dachte an meine Tüten voller Bilder, mit deren Inhalt ich meine Wohnung tapezieren könnte – und musste unweigerlich lachen.
Wenn die Ärzte sich an die Versorgungsleitlinie gehalten hätten, hätte ich weder eine Schmerzmittelspritze noch Einlagen bekommen – geschweige denn den Rat, meine Nerven stilllegen zu lassen. Die Behandlungsmaxime der Leitlinie lautet: „Im Krankheitsverlauf stehen im Vordergrund: die kontinuierliche Aufklärung und Motivation zu einer gesunden Lebensführung, die regelmäßige körperliche Aktivität einschließt, sowie die Vermeidung chronifizierungsfördernder und/oder nicht evidenzbasierter medizinischer Verfahren.”
„Körperliche Aktivität?” Ich erinnerte mich an den Arzt, der mir vom Sport dringend abgeraten hatte. „Motivation zu einer gesunden Lebensführung”? Dafür hatte sich noch nie ein Arzt interessiert. Was in der Leitlinie stand, war das Gegenteil von dem, was ich erlebt hatte. Mehr noch als der Unsinn, den die Ärzte veranstaltet hatten, ärgerte mich das, was sie unterlassen hatten. In der Leitlinie war von einem „interdisziplinären Assessment” die Rede, eine Untersuchung durch verschiedene Berufsgruppen (siehe Interview ab S. 20). Das Assessment war nach sechs bis zwölf Wochen vorgesehen, wenn sich die Schmerzen durch die Behandlung nicht verbesserten. Ich hatte nicht einmal davon gehört! Und von einem Psychologen hatte auch noch keiner gesprochen.
In der Leitlinie wird Wert darauf gelegt, dass Ärzte und Therapeuten nach der interdisziplinären Untersuchung gemeinsam über eine individuell angepasste Therapie entscheiden. Und ich war jahrelang daran gescheitert, auch nur einen Austausch zwischen Ärzten und Physiotherapeuten herzustellen. Ein Physiotherapeut bekam einen Lachanfall, als ich ihn fragte, ob er mir die Muskeln aufschreiben könne, die verspannt seien. „Ich schreibe sie dir gern auf, aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass das einen Arzt interessiert?”
Seine Aussage deckte sich mit der Erfahrung, die ich daraufhin machte. Ich wollte dem Orthopäden sagen, welche Muskelverspannungen der Physiotherapeut festgestellt hatte, kam aber nicht weit, denn er unterbrach mich mit den Worten: „Okay, ich schreibe Ihnen die Physiotherapie nochmal auf” und verabschiedete mich.
Die meisten Ärzte untersuchen das Skelett – und lassen die Muskulatur weitgehend unbeachtet links und rechts der Wirbelsäule liegen. Die ist schließlich Sache des Physiotherapeuten. Außer einem kleinen Stück Papier wird meist nichts ausgetauscht zwischen den beiden Berufsgruppen. Und die Nationale Versorgungsleitlinie spricht von einer Teamsitzung!
Christiane Wilke, die an der Sporthochschule Köln im Fachbereich „Bewegungsorientierte Präventions- und Rehabilitationswissenschaften” lehrt und forscht, über Rückenmuskulatur:
Die Rückenmuskulatur besteht aus einem oberflächlichen und einem tiefen Anteil. Man sollte beides trainieren. Doch der tiefe Anteil ist für Menschen mit Rückenschmerzen wichtiger, weil er die Wirbelsäule stabilisiert. Dieses Wissen hat sich erst in den letzten fünf bis zehn Jahren durchgesetzt. Man hatte festgestellt, dass selbst Spitzensportler, die ein sehr gutes Muskelkorsett am Rumpf hatten, Rückenprobleme bekamen. Längst nicht jedes Training spricht die tiefen Rückenmuskeln an. Mit den großen Maschinen im Fitnessstudio erreicht man sie gar nicht. Man kann die tiefen Rückenmuskeln zum Großteil nicht willentlich anspannen. Sie kontrahieren aber stets als Reflex, wenn die Wirbelsäule kippt oder rotiert.
Man muss den Körper also in eine wackelige Situation bringen, um die tiefen Rückenmuskeln zu trainieren, etwa, indem man auf einem Gymnastikball sitzt, einen Fuß anhebt und dabei versucht, die Wirbelsäule zu stabilisieren. Besonders wichtig für die Stabilität der Lendenwirbelsäule sind die tiefen Bauchmuskeln und der Beckenboden. Die tiefen Muskelsysteme bezeichnet man heute als „Core Stability”. Es ist wichtig, diese zu trainieren, denn wenn man nur die oberflächliche Muskulatur trainiert, bekommt man dort einen Massezuwachs, den eine untrainierte tiefe Muskulatur eventuell nicht mehr stabilisieren kann (siehe Kasten „Neue effektive Therapien” auf S. 16).
Ich beschloss, eine interdisziplinäre Praxis aufzusuchen. Als ich das Wartezimmer betrat, wusste ich, dass dies der Ort der völlig Verzweifelten war. Ledersessel flankierten die Wände – aber niemand saß darin. Die einzigen beiden Wartenden standen in den Ecken des Raums. Wahrscheinlich hatten sie Angst, nie wieder aufstehen zu können, würden sie erst einmal in einem Sessel versinken.
Hier traf ich auf den ersten Arzt, der sich meine Muskulatur anschaute. Er stellte eine Muskelschwäche fest, und diese Diagnose wurde direkt an einen Physiotherapeuten weitergegeben. Das Programm: keine Massagen, sondern Training der tiefen Muskulatur, vor allem am Bauch, weil der den Rücken festhalte. Und immer wieder das Mantra – bloß nicht schonen. Joggen? Unbedingt weitermachen!
Schließlich hatte ich noch einen Termin bei einer Psychologin. Sie legte Elektroden an meine Rückenmuskeln. „Biofeedback”, nannte sie das. Sie zeigte mir, dass meine Muskeln angespannt waren, wenn ich gestresst war. Umgekehrt entspannten sie sich, wenn mein Geist sich entspannte. So lernte ich, dass Stress zu Muskelverspannungen führen kann.
Anderthalb Jahre später. Meine Rückenschmerzen haben mich topfit gemacht. Ich habe gelernt, dass mein Körper Bewegung braucht. Heute gehe ich zweimal die Woche joggen, mache Krafttraining und jeden Tag 10 Minuten lang Übungen für die tiefe Bauchmuskulatur.
Und ich beobachte mich – bin ich gestresst? Dann atme ich tief durch und versuche, mich zu entspannen. Ich habe weniger oft und vor allem weniger starke Schmerzen als früher. Im Moment sitze ich aufrecht, und meinem Rücken geht es gut. Es war wichtig für mich zu lernen, dass es normal ist, manchmal Rückenschmerzen zu haben. Dann warte ich ab, versuche aber gleichzeitig mit allem wie gewohnt weiter zu machen, auch mit dem Sport. Wenn der Schmerz besonders schlimm ist, nehme ich Tabletten, mache Dehnübungen, gehe notfalls zur Massage.
Natürlich ist jeder Rückenschmerz anders – was mir geholfen hat, hilft nicht jedem. Aber wenn es eine allgemeingültige Lehre gibt aus meinem Fall, dann ist es diese: Kein Guru kann einen langfristig von den Leiden befreien kann – das Einzige, was hilft, ist, selbst etwas zu tun. Körper und Geist zu bewegen, mag anstrengend sein. Aber es lohnt sich. •
Text von Frederik Jötten, Artwork von Daniela Leitner





