Namensgeber für das Syndrom sind übrigens nicht die Kessler-Zwillinge, und demnach beschreibt es auch nicht zwei gleich aussehende Satelliten, die deutsches Unterhaltungsfernsehen übertragen. Sondern der Name geht zurück auf den amerikanischen Astronomen Donald Kessler, der sich eigentlich mit Asteroiden beschäftigt hat.
Was passiert, wenn zwei dieser kosmischen Felsbrocken zusammenstoßen? Dann gibt es jede Menge Bruchstücke, die ebenfalls miteinander kollidieren können und noch mehr Trümmer erzeugen und so weiter. Und was mit Asteroiden passieren kann, geht sicher auch mit Satelliten, dachte sich Kessler. Also hat er es mit seinem Kollegen Burton Cour-Palais untersucht und 1978 einen Fachartikel veröffentlicht, der in guter wissenschaftlicher Tradition die Pointe schon im Titel hat: „Kollisionshäufigkeit künstlicher Satelliten: Die Entstehung eines Trümmerrings“. Was ist ein Trümmerring? Genau das, wonach es klingt: ein Ring aus Trümmern. Aber nicht einer, den künftige Eheleute aus verschiedenen Partikeln gemeinsam schmieden, bevor sie einander ewige Treue versprechen, sondern Trümmer, die sich in einem Ring anordnen.
Satelliten-Konfetti im Orbit
Das Problem ist ja nicht nur, dass Satelliten kaputtgehen. Wenn zwei Objekte in einer Umlaufbahn um die Erde miteinander kollidieren, dann rummst es dort wirklich heftig: Satelliten müssen schnell sein, um den Planeten umkreisen zu können, sodass die typische Kollisionsgeschwindigkeit bei circa zehn Kilometern pro Sekunde liegt. Wie man in Österreich sagen würde: Das derbremst du nicht mehr!
Bei so einem Zusammenstoß zerlegt es die Satelliten in jede Menge große und kleine Stücke. Je nach Material können Teile auch schmelzen, und wenn die Tröpfchen wieder fest werden, bilden sie weitere Trümmer. Es bildet sich eine Wolke aus Bruchstücken, die sich im Laufe der Zeit um die Erde herum verteilt. Das klingt schon unangenehm, aber damit fangen die Probleme erst an. Denn der ganze Schutt bewegt sich weiter mit enormer Geschwindigkeit durchs All. Die Trümmer können neue Kollisionen auslösen und jede Kollision erzeugt neuen Müll, der wieder neue Kollisionen auslösen kann: Es gibt eine Kettenreaktion, die am Ende alles im erdnahen Weltraum unbrauchbar macht.
1978 gab es nur circa 4.000 künstliche Objekte, die die Erde umkreisten. Nicht nur Satelliten, sondern auch schon jede Menge Müll. Der entsteht nämlich immer, wenn wir irgendwas ins All schicken: ausgebrannte Raketenstufen, abgesprengte Abdeckungen, Sprengbolzen, ausgedampfte Treibstoffreste, abgesplitterte Farbstückchen. Selbst kleinste Objekte können gefährlich werden, wenn sie mit einigen Kilometern pro Sekunde durch die Gegend sausen. Kessler hat in seiner Arbeit versucht, statistisch vorherzusagen, wann es zur ersten echten Kollision zwischen zwei Satelliten kommen wird. Irgendwann zwischen 1989 und 2005, war sein Ergebnis, und damit lag er nur vier Jahre daneben. Am 10. Februar 2009 sind sich der ausgediente russische Satellit Kosmos 2251 und sein noch aktiver amerikanischer Kollege Iridium 33 in die Quere gekommen. Der eine war 17 Meter lang und 900 Kilogramm schwer, der andere 25 Meter und 556 Kilogramm. Die Trümmerwolke hat sich weit über die ursprüngliche Umlaufbahn hinaus verteilt. Mehr als 2.000 größere Bruchstücke sind dabei entstanden und um die 100.000 kleinere. Eines davon ist im März 2012 der Raumstation ISS so nahe gekommen, dass die Crew sicherheitshalber in die angedockten Sojus-Raumschiffe geflüchtet ist.





