Es tut mir sehr leid, aber Sie haben das Kessler-Syndrom.“ Wenn man so einen Satz hört, sollte man sich Sorgen machen. Allerdings nur, wenn man ein Planet ist. Denn das Kessler-Syndrom ist keine fiese Krankheit, die man sich als Mensch holen kann, sondern etwas, das dem erdnahen Weltraum zustoßen kann. In diesem Bereich platzieren wir die meisten unserer Satelliten, und wer sich jetzt denkt: „Pff, Satelliten brauch ich eh für nix“, täuscht sich gewaltig. Ohne sie gäbe es keine zuverlässige Wettervorhersage, keine Navigations-Apps, kein Satellitenfernsehen, keine globale Kommunikation und keine Liveübertragungen von Sportereignissen. Ohne Erdbeobachtung aus dem All könnten wir weder die Folgen der Klimakrise noch die Auswirkungen von Umweltverschmutzung ausreichend erforschen und wären auch noch über einige weitere Dinge im Ungewissen. Kurz gesagt: Unsere moderne Welt könnte ohne die Satelliten im erdnahen Weltall nicht existieren. Und wenn Sie jetzt sagen: „Okay, dann will ich bitte doch Satelliten“, dann sollten Sie sich erst recht Sorgen um das Kessler-Syndrom machen, denn das kann unsere ganze Weltrauminfrastruktur zerstören.
Namensgeber für das Syndrom sind übrigens nicht die Kessler-Zwillinge, und demnach beschreibt es auch nicht zwei gleich aussehende Satelliten, die deutsches Unterhaltungsfernsehen übertragen. Sondern der Name geht zurück auf den amerikanischen Astronomen Donald Kessler, der sich eigentlich mit Asteroiden beschäftigt hat.
Was passiert, wenn zwei dieser kosmischen Felsbrocken zusammenstoßen? Dann gibt es jede Menge Bruchstücke, die ebenfalls miteinander kollidieren können und noch mehr Trümmer erzeugen und so weiter. Und was mit Asteroiden passieren kann, geht sicher auch mit Satelliten, dachte sich Kessler. Also hat er es mit seinem Kollegen Burton Cour-Palais untersucht und 1978 einen Fachartikel veröffentlicht, der in guter wissenschaftlicher Tradition die Pointe schon im Titel hat: „Kollisionshäufigkeit künstlicher Satelliten: Die Entstehung eines Trümmerrings“. Was ist ein Trümmerring? Genau das, wonach es klingt: ein Ring aus Trümmern. Aber nicht einer, den künftige Eheleute aus verschiedenen Partikeln gemeinsam schmieden, bevor sie einander ewige Treue versprechen, sondern Trümmer, die sich in einem Ring anordnen.
Satelliten-Konfetti im Orbit
Das Problem ist ja nicht nur, dass Satelliten kaputtgehen. Wenn zwei Objekte in einer Umlaufbahn um die Erde miteinander kollidieren, dann rummst es dort wirklich heftig: Satelliten müssen schnell sein, um den Planeten umkreisen zu können, sodass die typische Kollisionsgeschwindigkeit bei circa zehn Kilometern pro Sekunde liegt. Wie man in Österreich sagen würde: Das derbremst du nicht mehr!
Bei so einem Zusammenstoß zerlegt es die Satelliten in jede Menge große und kleine Stücke. Je nach Material können Teile auch schmelzen, und wenn die Tröpfchen wieder fest werden, bilden sie weitere Trümmer. Es bildet sich eine Wolke aus Bruchstücken, die sich im Laufe der Zeit um die Erde herum verteilt. Das klingt schon unangenehm, aber damit fangen die Probleme erst an. Denn der ganze Schutt bewegt sich weiter mit enormer Geschwindigkeit durchs All. Die Trümmer können neue Kollisionen auslösen und jede Kollision erzeugt neuen Müll, der wieder neue Kollisionen auslösen kann: Es gibt eine Kettenreaktion, die am Ende alles im erdnahen Weltraum unbrauchbar macht.





