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Das große Schrumpfen
In den vergangenen Jahrhunderten fielen etliche Tierarten der exzessiven Jagd des Menschen zum Opfer. Arten, die mehr als zehn Kilogramm auf die Waage brachten, waren Homo sapiens als Beute besonders willkommen. So wurde der Dodo, ein dicklicher und zutraulicher Vogel, 1690 das letzte Mal auf Mauritius gesichtet; das letzte Quagga starb 1883 im Zoo in Amsterdam. Von diesen Extremfällen soll dieser Text aber nicht handeln. Die intensive Jagd oder auch Fischerei führen nicht immer zur Ausrottung einer Art. Allerdings beeinflussen sie die Evolution der Beutetiere auf teils dramatische Weise, wie etliche Studien belegen.
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von JULIETTE IRMER
In den vergangenen Jahrhunderten fielen etliche Tierarten der exzessiven Jagd des Menschen zum Opfer. Arten, die mehr als zehn Kilogramm auf die Waage brachten, waren Homo sapiens als Beute besonders willkommen. So wurde der Dodo, ein dicklicher und zutraulicher Vogel, 1690 das letzte Mal auf Mauritius gesichtet; das letzte Quagga starb 1883 im Zoo in Amsterdam. Von diesen Extremfällen soll dieser Text aber nicht handeln. Die intensive Jagd oder auch Fischerei führen nicht immer zur Ausrottung einer Art. Allerdings beeinflussen sie die Evolution der Beutetiere auf teils dramatische Weise, wie etliche Studien belegen.
Trophäenjagden
Eine ungewöhnliche Studie der University of Cambridge von 2022 nutzte Fotografien aus etwa 130 Jahren (1886–2018), um die Hornlänge von Nashörnern zu vergleichen. Dies war möglich, da sich Jäger üblicherweise mit ihrer erlegten Beute fotografieren lassen. Die Untersuchung der Forscher ergab, dass die Hörner von Nashörnern im Laufe der Zeit immer kleiner geworden sind. Die Forscher vermuten, dass durch den selektiven Abschuss von Nashörnern mit den längsten Hörnern zunehmend Überlebende mit kleineren Hörnern übrig geblieben sind, die dieses Merkmal an ihre Nachkommen weitergegeben haben.
Gut belegt ist die Wirkung der Trophäenjagd bei Huftieren wie Steinböcken und Dickhornschafen: Weibchen dieser Arten paaren sich vorzugsweise mit den Männchen mit den größten Hörnern. Dieser Vorteil entpuppt sich allerdings als massiver Nachteil, wenn Trophäenjäger in der Nähe sind, die es ebenfalls auf dicke Hörner abgesehen haben. Dann kommen die Männchen mit dem üppigsten Kopfschmuck nicht zum Zuge, sondern ihre Rivalen mit den kleineren Hörnern. So schrumpften die Hörner von kanadischen Dickhornschaf-Männchen in gut zwei Jahrzehnten um fast 30 Prozent.
Die Liste lässt sich leicht fortsetzen: Auch einen Rückgang der silbernen Fellvariante bei Wildfüchsen konnten Forscher dokumentieren. Die Fellfarbe war bei Fallenstellern im vergangenen Jahrhundert sehr geschätzt, weil sie jahrzehntelang in der Modeindustrie stark nachgefragt wurde.
Unnatürliche Selektion
Der Grund für die beobachteten Änderungen ist die hochselektive Jagd des Menschen: Anders als Raubtiere, die sich in der Regel auf schwächere und leichter zu erlegende Tiere konzentrieren, haben es Trophäenjäger auf die schönsten, größten und mächtigsten Tiere abgesehen. Evolutionsbiologen nehmen an, dass die genetische Information zum Beispiel für große Hörner oder silberne Fellfarbe so mit der Zeit verloren gehen kann.
Denn diese Art zu jagen führt zu einem massiven Selektionsdruck: Die für den Menschen weniger attraktiven Tiere mit kleineren Hörnern oder unbeliebter Fellfarbe können sich besser fortpflanzen, weil sie nicht getötet werden und länger leben. „Für Evolutionsbiologen ist es klar, dass bei einer intensiven Selektion auf ein vererbbares Merkmal eine evolutionäre Reaktion zu erwarten ist“, sagt Fanie Pelletier von der Université de Sherbrooke in Kanada, die an den Untersuchungen der Dickhornschafe beteiligt ist.
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Umstritten ist allerdings, ob die Trophäenjagd tatsächlich Spuren im Erbgut hinterlässt – das heißt, ob also die genetische Information für große Hörner oder silberne Fellfarbe aus dem sogenannten Genpool der Population wirklich verloren geht. Zum einen werden Merkmale wie Hörner oder Fellfarbe in der Regel durch mehrere Gene bestimmt, was auch die Identifikation erschwert. Zum anderen könnten sich solche Merkmale auch durch Umweltveränderungen wandeln: So könnten sich kleinere Hörner auch durch eine geringere Populationsdichte aufgrund der Jagd entwickeln, durch veränderte Geschlechterverhältnisse oder Temperaturveränderungen bedingt sein.
Den genetischen Nachweis zu erbringen, ist außerordentlich schwierig, denn es braucht dafür detaillierte Langzeitdaten über mehrere Jahrzehnte, sowohl über das Aussehen (Phänotyp) der Tiere als auch ihr Erbgut (Genotyp). Dann muss es gelingen, die Veränderung eines Merkmals bestimmten Genen zuzuordnen, und letztlich muss man beweisen, dass sich die Genhäufigkeiten im Laufe der Zeit verändert haben. Der logistische Aufwand ist bei großen Landsäugetieren enorm, die Kosten sind es ebenfalls. Vor 30 Jahren war es außerdem nicht üblich, DNA-Proben zu speichern, kein Wunder also, dass Vergleichsdaten so gut wie immer fehlen.
Daten für die Wissenschaft
Für kanadische Dickhornschafe immerhin werden einige dieser Daten seit rund 50 Jahren gesammelt. Forschende überwachen markierte Tiere von der Geburt bis zum Tod und kennen die Beziehungen zwischen Eltern und Nachkommen. „Anhand dieser Daten konnten wir schätzen, welche Ursachen zu einer Veränderung der Horngröße geführt haben. Also welchen Anteil genetische Veränderung ausmacht und welcher Anteil auf Umweltveränderungen zurückgeht“, erklärt Pelletier. Da es sich aber um statistische Modelle handelt, und damit um Annahmen, stehen auch diese Ergebnisse immer wieder zur Debatte.
2021 füllte eine besondere Studie, die sowohl Phäno- als auch Genotyp berücksichtigte, die bemängelte Datenlücke: Forschende untersuchten Elefanten des Gorongosa-Nationalparks in Mosambik, wo von 1977 bis 1992 Bürgerkrieg herrschte. Die Armeen auf beiden Seiten des Konflikts töteten ab 1982 Elefanten im großen Stil, um mit dem erbeuteten Elfenbein Waffen und Munition zu finanzieren. Der Nationalpark, einst berühmt für seine Tierdichte, war 1992 wie ausgestorben: Rund 95 Prozent des Großwilds waren erlegt worden, der Bestand der Elefanten auf rund ein Zehntel geschrumpft. Die Forschenden sichteten historische Videoaufnahmen und stellten fest, dass der rapide Rückgang der Gorongosa-Elefantenpopulation mit einem fast dreifachen Anstieg der Häufigkeit von Weibchen ohne Stoßzähne einherging. Die Forschenden vermuten, dass fehlende Stoßzähne den Tieren einen Überlebensvorteil während des Krieges verschafften: Ohne Stoßzähne waren die Tiere für Wilderer uninteressant und konnten sich weiter vermehren.
Das Team identifizierte zwei Gene, die am Fehlen der Stoßzähne beteiligt sind und die auch bei anderen Säugetieren eine Rolle in der Zahnentwicklung spielen. Die Genveränderungen haben darüber hinaus für den männlichen Nachwuchs fatale Folgen. Gibt eine Elefantenkuh ihrem Sohn das X-Chromosom mit den Genvarianten weiter, kann der männliche Embryo nicht überleben. Ein Weibchen ohne Stoßzähne kann daher keine lebensfähigen männlichen Nachkommen zur Welt bringen. Weibliche Embryonen hingegen haben das zweite X-Chromosom von der väterlichen Seite. Sie überleben, weil das väterliche Gen die letale Mutation nicht trägt.
Der beobachtete Geschlechtsunterschied bei den Nachkommen legt nahe, dass sich das Geschlechterverhältnis und damit die Populationsdynamik langfristig ändern könnten. In den Herden mit Elefantenkühen ohne Stoßzähne stieg der Anteil an stoßzahnlosen Elefantenkühen mit Genveränderung proportional an; der Anteil an Elefanten und Elefantenkühen mit Stoßzähnen wurde immer geringer. „Diese umfassende Arbeit zeigt eindeutig, dass die selektive Tötung eine deutliche evolutionäre Signatur im Erbgut hinterlassen kann“, schreibt Pelletier in einem Kommentar zur Studie.
Evolution in Aktion
Die vom Menschen verursachte „unnatürliche Selektion“ hat spürbare Folgen: Überall dort, wo er exzessiv jagt, selektiert er auf just jene Merkmale, die die Tiere aus dem Fadenkreuz heraushalten, etwa kleinere Gehörne oder keine Stoßzähne.
Das gilt in besonderem Maß für die Fischerei: Statistiken zeigen, dass kommerziell genutzte Fischarten immer jünger geschlechtsreif werden. Der Kabeljau im Nordwestatlantik etwa wurde in den 1950er-Jahren mit gut sechs Jahren geschlechtsreif und war dabei etwa 65 Zentimeter lang. Heute laicht er bereits mit vier Jahren bei einer Länge von 40 Zentimetern.
Noch stärker ist der Ostseedorsch geschrumpft: Vor 40 Jahren waren die Fische mit 45 Zentimetern geschlechtsreif, heute sind sie es mit 20 Zentimetern – und kleinere Fische bedeuten zwangsläufig reduzierte Fangmengen. „Einen solchen Fisch hätte sich früher niemand auf den Teller gelegt“, sagt Thorsten Reusch vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.
Experten sprechen von fisheries-induced evolution, also durch Fischerei ausgelöste Evolution. Weil Fischerei – egal, ob große Fangflotten oder Küstenfischerei mit Stellnetzen – durch die Maschenweite immer größenselektiv ist, verhindert sie die Fortpflanzung großer Fische. Damit haben Individuen, die sich bei kleinerer Körpergröße früh fortpflanzen, einen Vorteil und hinterlassen im Verhältnis mehr Nachkommen. Thorsten Reusch ist Mitautor einer besonderen Studie, die kürzlich als Preprint erschienen ist: Der von ihm betreuten Doktorandin Kwi Young Han ist laut dieser Publikation das fast Unmögliche gelungen: Sie konnte die genetischen Spuren der hochintensiven Fischerei im Erbgut der Dorsche in der Ostsee nachweisen.
Die Forschenden nutzten dazu Otolithen, Gehörsteinchen, aus den Fischfängen der vergangenen 28 Jahre. Mithilfe der Otolithen lässt sich das Alter eines Fisches bestimmen und sogar DNA extrahieren. Die Gene, die mitverantwortlich für das Körperwachstum des Dorschs sind, veränderten sich in ihrer Häufigkeit über die Jahrzehnte.
„Das ist unseres Wissens die erste Studie, die eine solche Frequenzänderung in Wildfischen nachweist“, sagt der Meeresbiologe. Der Datenschatz ist der Hartnäckigkeit Reuschs zu verdanken, der seit 40 Jahren die Bestände des Ostseedorschs beobachtet, dokumentiert und Proben archiviert: „Das war unheimlich schwierig zu finanzieren, weil es uncool war, jahrein, jahraus das Gleiche zu tun“, erzählt der Meeresbiologe. Dafür hätten sie jetzt eine historische Zeitreihe und könnten in das Erbgut der Dorsche vor 30 Jahren schauen. „Das ist wissenschaftlich spannend und ökologisch hochdramatisch“, so Reusch.
Nachdem der Dorschbestand der zentralen Ostsee 2015 wegen Überfischung fast vollständig zusammenbrach, wurde 2019 ein Fangverbot erlassen. 2024 wurde es verlängert, weil sich die Population bislang kaum erholt hat. Ob die Fische jemals wieder ihre ursprüngliche Größe erreichen werden, ist ungewiss. Die Arbeit Reuschs unterstützt die Annahme, dass mit dem jahrzehntelangen Wegfischen vieler großer Fische auch die genetische Information für die große Körpergröße nach und nach verloren gegangen ist. Das wiederum bedeutet, dass sich die Merkmalsänderung nicht einfach umkehren lässt. Experten bezeichnen das als darwinistische Schuld: „Bis eine verschwundene Geninformation wieder auftaucht, können laut Modellen mehrere Hundert Jahre vergehen“, so Reusch. Denn dazu braucht es Mutationen und Genfluss, und diese evolutiven Prozesse sind deutlich schwächer und langsamer als der menschliche Selektionsdruck.
Weder der nordwestatlantische Kabeljau hat zu seiner früheren Körpergröße zurückgefunden, noch sind die Hörner der kanadischen Dickhornschafe wieder so groß wie vor 50 Jahren.
Zurückhaltung als Gebot der Stunde
Generell gilt, dass die genetische Vielfalt einer Art erhalten werden muss, damit sie evolutionär anpassungsfähig bleibt. Bei Arten, die der Mensch intensiv jagt oder fischt, sollte der Selektionsdruck daher verringert werden – auch im Interesse der Jäger und Fischer. „In einer idealen Welt würde man nicht überfischen und würde sich auf die mittleren Exemplare konzentrieren. Das heißt, man würde sowohl die kleinen und unreifen Fische als auch die stattlichen, großen Laichtiere schonen“, so Reusch. Die Realität ist aber, dass der Mensch mehr Fisch fängt, als nachwachsen kann: 2021 waren es 91 Millionen Tonnen – mehr als fünfmal so viel wie 1950.
Es gibt aber auch positive Beispiele: Der Bestand des Blauflossen-Thunfischs der Nordsee hat sich dank strengem Fischereimanagement schneller erholt als angenommen. Alle Elefanten- und Nashornarten stehen mittlerweile unter Schutz und dürfen legal nur noch in Ausnahmefällen geschossen werden. Tatsächlich kann die Trophäenjagd heute – vorausgesetzt, sie ist gut verwaltet – sogar zum Naturschutz beitragen: Jäger bezahlen hohe Preise für den Abschuss bestimmter Tiere und bieten so einen wirtschaftlichen Grund, die Lebensräume dieser Tiere zu schützen.
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