Zumal Niesen ja im Laufe der Pandemie viel von seinem guten Ruf eingebüßt hat. Wenn es den jemals hatte. Niemand gibt Niesen als Hobby an. Dabei wird es unterschätzt: Man ist danach in der Regel wacher als davor, kann damit sehr gut Menschen erschrecken, und wenn man den Mund geschlossen hält, entsteht ein leichtes kribbelndes Kitzeln am hinteren Gaumen, das sich sonst nur sehr schwer herstellen lässt. Zahlreiche Vorgänge unserer Körperöffnungen haben deutlich weniger zu bieten.
Aber warum müssen wir eigentlich niesen, und was passiert dabei?
Unerwünschter Besuch
Wenn wir einen Fremdkörper in der Nase haben, Staubteilchen oder zu viel Flüssigkeit, dann passiert es oft. Auch Schnupfen kann der Grund sein oder wenn durch hastiges Trinken versehentlich Flüssigkeit in die Nase gerät. Bei unerwünschtem Besuch an der Naseninnenseite versteht die empfindliche Nasenschleimhaut nur wenig Spaß. Dann wird sofort abgeschoben – ohne Kontrolle der Personalien. Allerdings nicht, wenn die Reizung mit einem gewissen Nachdruck geschieht.
Das kann man leicht selbst im Experiment überprüfen: routiniert und mit Verve in der Nase gebohrt führt selten zum Niesreiz. Auch wenn einem jemand anderes in der Nase bohrt, etwa ein Grobian Zeige- und Mittelfinger schwungvoll in die Nasenlöcher steckt in der bösen Absicht, seine Armeskraft zu nutzen, um beim Überwinden der Schwerkraft behilflich zu sein, dann ist unser Körper zu sehr mit Schmerzen beschäftigt und hat keine Zeit für die sanftere Form der Nasenreinigung. Aber sanft? Beim Niesen werden gewaltige Energien frei, und ein großer Teil des Körpers ist im Einsatz. Wenn man so will, handelt es sich beim Hatschi um einen ganzheitlichen Vorgang.
Das Ha und das Tschi
Beim Ha wird Luft angesaugt, an den Stimmbändern vorbei. Dann ziehen sich Bauch- und Brustmuskeln zusammen, und das Ganze explodiert mithilfe des Zwerchfells im Tschi. Letzteres kann man auch sehen, wenn bei geöffnetem Mund geniest wird und kein Hindernis die Flugbahn absperrt, etwa ein Taschentuch. Dabei ist „sehen“ vielleicht übertrieben, besser wäre „sichtbar machen“ – indirekt durch einen Spiegel, direkt am besten mit Hochgeschwindigkeitsfotografie. Denn das, was beim Niesen den Körper verlässt, tut es mit 180 Stundenkilometern. Wenn man auf der Autobahn in einem Bereich mit 130 km/h-Beschränkung im Fahrzeug niest, ist die Wahrscheinlichkeit einer Strafe wegen Geschwindigkeitsübertretung trotzdem sehr gering. Fast genauso gering wie die Explosion des Kopfs durch den Druck, wenn man während der Entladung die Lippen aufeinanderpresst.
Selbst wenn man den Kopf luftdicht abschließen würde – Nase zu, Ohren zu, Halsöffnungen zu –, der Schädel bliebe heil. Denn Rachen und Mundraum sind nicht verbunden mit dem Gehirn. Außerdem besteht der Kopf aus ziemlich vielen Weichteilen, die Energie abfangen, also absorbieren können. Wollte man den Kopf so zum Explodieren bringen, dass die Teile in alle Richtungen davonfliegen, wie das in manchen Splatterfilmen gezeigt wird, etwa Scanners von David Cronenberg, dann wäre das gar nicht so einfach. Selbst eine mit Wasser gefüllte Mundhöhle wäre kein Garant dafür, dass beispielsweise nicht nur der Unterkiefer wegflöge. Abgesehen davon, dass es keinen plausiblen Grund gibt, so etwas auszuprobieren, geschweige denn große Fertigkeiten darin zu erwerben.





