Ihrem untadeligen Lebenswandel entsprechend, hatte sie angeordnet, in einem schlichten Holzsarg inmitten der bereits verstorbenen Schwestern begraben zu werden. Als ihre Nachfolgerin 16 Jahre später das Grab öffnen ließ, um die Gebeine der frommen Klostergründerin in einen steinernen Sarg umzubetten und an einen würdiger erscheinenden Ort in der Kirche zu überführen, geschah Beda zufolge ein Wunder: „Als der Leichnam der frommen Jungfrau und Braut Christi aus dem geöffneten Grab ans Licht gebracht wurde, fand man ihn so unversehrt vor, als sei sie am gleichen Tag gestorben.“
Vor dem Hintergrund seines Wunderberichts geht der Geschichtsschreiber ausführlich auf die todbringende Erkrankung der Äbtissin und die Versuche zu deren Heilung ein. Keine heilkundige Klosterfrau hatte Ediltrudis behandelt, sondern ein männlicher Arzt namens Cynefrith. Der Geschichtsschreiber verrät nichts über dessen Herkunft oder soziale Stellung. Die Benediktsregel räumt der Pflege kranker Mitbrüder breiten Raum ein. Entsprechend gab es in den benediktinischen Klöstern und auch denen anderer Orden nicht nur eine eigene Krankenabteilung, das Infirmarium, sondern auch speziell mit Pflegediensten beauftragte Brüder und Heilkundige.
Es mag sich bei Cynefrith daher angesichts des klösterlichen Umfelds um einen Mönch gehandelt haben, doch ebensogut kann er ein Laie gewesen sein. Daß zahlreiche Laien bereits vor dem Niedergang der sogenannten Klostermedizin im 12. Jahrhundert als Heilkundige wirkten, ist hinlänglich bekannt. So berichtet schon Gregor von Tours (538/39–593) von einem Leibarzt des Merowingerkönigs Chilperich I. (561/567–584) namens Marileif. Marileifs Vater war der Schilderung des Chronisten zufolge ein Leibeigener gewesen, der in den kirchlichen Mühlen arbeitete. Brüder, Vettern und die übrigen Verwandten des Heilkundigen waren in den herrschaftlichen Küchen und Bäckereien tätig.
Zurück zu dem Bericht Bedas über Ediltrudis: Die Geschwulst unter dem Kiefer habe der Äbtissin, so der Geschichtsschreiber, große Schmerzen in Kiefer und Hals bereitet. Wenngleich sie seinen Ausführungen zufolge ihr Halsleiden mit Freuden ertrug und dieses als Zeichen des Himmels wertete, versuchten die Schwestern, ihrer Äbtissin in den letzten Lebenstagen doch Linderung zu verschaffen. Sie ließen Cynefrith kommen und trugen ihm auf, die Geschwulst aufzuschneiden, damit die nach zeitgenössischer Auffassung schädliche Flüssigkeit her?auslaufe. Zwei Tage lang fühlte sich Ediltrudis besser. Nachdem am dritten Tag jedoch der Schmerz stärker als je zuvor zurückgekehrt war, starb die Frau. Als ihr Grab geöffnet wurde, war auch Cynefrith wieder zugegen. So sah der Arzt auch, daß selbst die Wunde, die sein Schnitt verursacht hatte, nahezu verheilt war.
Unter den Wunderberichten, die für die Heiligsprechung König Ludwigs IX. von Frankreich (1226–1270) zusammengetragen wurden, findet sich die Schilderung von der wunderbaren Heilung einer Ordensschwester namens Clementia aus der Zisterzienserabtei Lys (Département Seine-et-Marne). Mehr als 20 Jahre lang litt die Nonne an einer entzündlichen Augenerkrankung, die ihr Äußeres offenbar stark entstellte. Ihre Mitschwestern fürchteten, die Krankheit sei ansteckend. Clementia war deshalb nicht im Infirmarium, sondern isoliert untergebracht.





