Zum Schluß seiner Neujahrsansprache, die am 31. Dezember 1958 über die westdeutschen Rundfunksender ausgestrahlt wurde, kam Bundespräsident Theodor Heuss auf einen Punkt in eigener Sache zu sprechen. Er glaube, daß seine drei diesjährigen Staatsbesuche in Kanada, in den USA und in Großbritannien für das Vaterland nicht nutzlos gewesen seien. Zumal in London habe er viel menschliche Wärme gespürt. Dies anzusprechen sei ihm “ein Gebot des Anstands und der Dankbarkeit”, da ein Teil der deutschen Presse “völlig schiefe Kommentare” zu seinem Staatsbesuch geliefert habe. Zweifellos eine ungewöhnliche Passage in einer Rede, in der es ansonsten darum geht, der Nation Mut und Zuversicht für das kommende Jahr zuzusprechen. Was war im einzelnen während Heuss‘ Staatsbesuch vorgefallen? Wie ist es zu erklären, daß sich Heuss zu so deutlichen Worten veranlaßt sah?
Nachdem mit dem Inkrafttreten des Deutschlandvertrags am 5. Mai 1955 für die Bundesrepublik auf dem Gebiet der Außenpolitik fast alle besatzungsrechtlichen Beschränkungen weggefallen waren, machte sich das Bundespräsidialamt an die Planung der ersten offiziellen Auslandsreisen des Staatsoberhauptes. Dabei stand Großbritannien auf der Wunschliste zu besuchender Länder ganz oben. Der bundesdeutsche Botschafter in London, Hans von Herwarth, bekundete bereits seit Ende 1955 ein starkes Interesse seiner Regierung an einem Staatsbesuch in London.
Ein traditionell mit großem Aufwand inszenierter offizieller Besuch bei Königin Elisabeth II. galt als ein überaus prestigeträchtiges Schauspiel, das wie kaum ein anderes Ereignis das internationale Renommee der jungen Republik und ihres Präsidenten öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck bringen konnte. Zudem sprachen aktuelle politische Gründe für diesen Besuch. Das Verhältnis zum Verbündeten jenseits des Kanals galt als gespannt, in den Augen von Bundeskanzler Konrad Adenauer war Großbritannien unter den drei westalliierten Siegermächten der unsicherste Kandidat bei seiner vehement betriebenen Politik der Westbindung. Von enger Freundschaft und gegenseitigem Vertrauen konnte hier keine Rede sein, auch wenn sich unter dem neuen Premierminister Harold Macmillan seit 1957 das Klima allmählich verbesserte. Auch die britische Regierung zeigte sich interessiert an einem Besuch.
Zum einen erblickte man in der Bundesrepublik den Schlüssel zu einer politischen Annäherung an Westeuropa. Zum anderen galt Bundespräsident Theodor Heuss für sein Amt als eine ideale Besetzung. An seiner demokratischen Grundhaltung konnte kein Zweifel bestehen, und sein Geschichtsbewußtsein – speziell seine Bereitschaft, für die nationalsozialistischen Verbrechen die Verantwortung zu übernehmen – galt als vorbildlich. 50 Jahre waren vergangen, seitdem Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1907 dem britischen Königshaus den letzten offiziellen Staatsbesuch abgestattet hatte. In betonter Abgrenzung hiervon wollte die englische Seite mit einer Einladung an Heuss seinen liberalen und betont zivilen Politikstil in Deutschland stärken. Heuss’ Besuch orientierte sich bis ins Detail an dem vorhergehenden Staatsbesuch des italienischen Präsidenten Giovanni Gronchi, der in den Medien positiv aufgenommen worden war: 1. Tag: Begrüßung durch die Queen am Victoria Station, Kutschfahrt zum Buckingham Palace, Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Westminster Abbey, Besuch bei der Königin Mutter, Begrüßung im St. James’s Palace, Staatsbankett im Buckingham Palace; 2. Tag: Empfang des Diplomatischen Korps im Buckingham Palace, Bankett der Stadt London in der Guildhall, Abendessen und Empfang in der Botschaft; 3. Tag: Besuch in Cambridge/Oxford, Empfang der Regierung im Lancaster House; 4. Tag: Verabschiedung durch die Queen.




