Innerhalb weniger Tage hatte sich alles verändert. In ihrer Jugend hatte Arpais de Péreille auf der Burg Mont?ségur („sicherer Berg“) am Nordhang der östlichen Pyrenäen glückliche Tage verlebt. Ihr Vater Raymond war der Herr des Berges, seine Ritter und Dienstleute umgaben ihn. Selbst für Arpais und ihre beiden Schwestern waren Kammerfrauen da. Ihre Großmutter Forneira besaß weitere Ländereien in der Umgebung, in Lavelanet und in Péreille, dem Stammsitz der Familie. Auf Montségur empfing die Dame ihre Glaubensgenossen, wandernde Frauen und Männer, die sich „gute Leute“ nannten und als „Vollkommene“ überall großes Ansehen genossen. Oft geleiteten Arpais’ Vater und Onkel diese Vollkommenen auf ihren Reisen im Schatten der Pyrenäen. Regelmäßig kamen Menschen aus der Umgebung auf den Berg, manchmal sogar aus Toulouse oder Albi, um einen der Vollkommenen an das Bett eines Sterbenden zu rufen, damit er ihm die Seelentaufe („Consolamentum“) spende. Eine solche „Taufe“ hatte Arpais mit eigenen Augen mehr als einmal in den Häusern auf dem Montségur miterlebt. Schließlich hatten sich ihre Großmutter, ihre Schwester Esclarmonde und – nach der Geburt ihres Bruders, des einzigen Sohnes und Stammhalters der Familie – auch ihre Mutter als Vollkommene der priesterlichen Elite der okzitanischen Katharer angeschlossen. Während die Männer in ihrer Familie als Lehnsleute des Grafen von Foix den unwirtlichen Felsen zu einem Herrschaftszentrum des okzitanischen Adels ausbauten, sorgten die Frauen dafür, daß der Montségur mehr und mehr auch zum geistlichen Mittelpunkt des Katharertums wurde.
Jetzt, es war der 18. März 1244, befand sich Arpais als Gefangene in den trostlosen Mauern der Festung Carcassonne, gemeinsam mit vielen Dutzend Bewohnern der Burg und des Dorfes Montségur. Ihre Wärter standen im Sold der päpstlichen Inquisitoren. Die Erinnerungen an die vergangenen Tage verstärkten ihre Qual. Ihre Mutter, die jüngere Schwester und die bewunderte Großmutter waren tot, verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Inquisition. Ebenso die Mehrzahl derer, die als Vollkommene das Herz des okzitanischen Katharertums gebildet und auf dem Mont?ségur Zuflucht vor den Kriegswirren gesucht hatten. Ihr Ehemann, ihr Vater und ihr Bruder sahen ohne Hoffnung auf Wiedergewinnung ihrer früheren Stellung im Gefängnis einem Prozeß wegen Begünstigung der Ketzerei entgegen.
Aber hätte sie dies nicht voraussehen können? Waren nicht in den letzten Jahren immer mehr schlechte Nachrichten aus Toulouse und der fernen Provence bis in die Bergeinsamkeit des Montségur vorgedrungen? Wann hatten sich die ersten Wolken über Arpais’ Welt zusammengebraut? Bei ihrer Geburt in den Jahren vor 1200 standen die Katharer in der Blüte ihres Ansehens im Land. An den Höfen des okzitanischen Adels sangen die trobadors und predigten die Vollkommenen. Arpais hatte als Kind ihre Eltern und Großeltern darüber sprechen hören, daß selbst der mächtige Graf Raymond von Toulouse, der Oberlehnsherr aller Gebiete zwischen Pyrenäen und Seealpen, eine Katharerin geheiratet habe: Béatrice de Béziers, die Tochter des Vizegrafen von Carcassonne.




