Als Herrscher der Toleranz und Urbild des „edlen Heiden“ ist Sultan Jusuf ibn Aijub Salahaddin, von den Europäern kurz Saladin genannt, in das europäische Geschichtsbewußtsein eingegangen. Schon für die ihn bekämpfenden Kreuzfahrer war er ein vollendeter Ritter und für manchen sogar ein heimlicher Christ. Im Lauf der folgenden Jahrhunderte behauptete man auf christlicher Seite, Saladin sei in jüngeren Jahren von einem Baron des Königreichs Jerusalem zum Ritter geschlagen worden, habe eine christliche Mutter gehabt und sei als getaufter Christ gestorben.
Saladin wurde 1138 in Tikrit am Tigris geboren, wuchs jedoch in der syrischen Stadt Baalbek auf und erhielt seine ersten Posten in Aleppo und Damaskus. Er war kurdischer Abstammung und gehörte der sun-nitischen, das heißt orthodoxen Glaubensrichtung des Islam an. Abgesehen von seiner militärischen Ausbildung und dem von seinesgleichen als reiterliche Übung mit Eifer betriebenen Polospiel soll er Kenntnisse in Theologie und Rechtsprechung besessen und sich auch in der arabischen Genealogie, Geschichte und Poesie ausgekannt haben.
Sein Vater Aijub und sein Onkel Schirkuh waren politische Abenteurer, die aus Armenien in den Irak kamen und später ihr Glück in Syrien suchten. Mehrmals wechselten sie den Herrn und standen schließlich in den Diensten Nuraddins, des Sultans von Aleppo und Damaskus. Aijub als Gouverneur von Damaskus und Schirkuh als Feldherr schufen die Grundlage für Saladins Aufstieg.
Unter Schirkuhs Kommando nahm Saladin in den Jahren 1164, 1167 und 1169 an drei Feldzügen nach Ägypten teil, das seit 969 von der Dynastie der Fatimiden in Kairo beherrscht wurde. Im Kampf gegen die Truppen König Amalrichs I. von Jerusalem, der mit den Ägyptern verbündet war, gelang Schirkuh die Eroberung des Landes am Nil. Saladin war maßgeblich daran beteiligt. Als der im Januar 1169 zum fatimidischen Wesir ernannte Schirkuh zwei Monate später starb, wurde Saladin sein Nachfolger als Wesir und Oberbefehlshaber der Truppen Nuraddins.
Auf dessen Befehl hin stürzte Saladin im September 1171 die Herrschaft der aus sunnitischer Sicht ketzerischen schiitischen Fatimiden, die als Rivalen der Abbasiden in Bagdad die Kalifenwürde beansprucht hatten. Aber je mehr Saladin seine Stellung in Ägypten durch eine Fülle von Reformen und personelle Veränderungen festigte, desto größer wurde das Mißtrauen Nuraddins ihm gegenüber. An einem Angriff auf Saladin hinderte Nuraddin jedoch der Tod. Er starb am 15. Mai 1174.
Im folgenden Jahr bereits zog Saladin in Damaskus ein, wo er rasch zum eigentlichen Erben Nuraddins wurde. Die Herrschaft über Aleppo errang er allerdings erst 1183, nachdem dort Nuraddins einziger Sohn gestorben war. 1186 mußte sich ihm auch Mossul beugen und wenigstens seine Oberherrschaft anerkennen. Damit war die Macht der Zenkiden, das heißt der Familie Nuraddins, endgültig gebrochen. Bereits 1175 hatte der abbasidische Kalif in Bagdad Saladin als Herrscher anerkannt und ihm als Antwort auf einen langen, alle Verdienste Saladins aufzählenden Brief eine Urkunde überbringen lassen, in der er ihn als Herrscher über Ägypten, den Jemen und – mit Ausnahme Aleppos – Syrien einsetzte.




