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Das deutsche Gesundheitssystem im europäischen Vergleich
Deutschland war das erste Land der Welt, das eine allgemeine Sozialversicherung einführte – mit der Krankenversicherung als Speerspitze. Doch wie funktioniert das deutsche Gesundheitssystem bis heute und wie schlägt es sich im Vergleich mit anderen europäischen Nationen?
Seit dem Aufkommen von Nationalstaaten dauerte es geraume Zeit, bis sich in Europa eine Erkenntnis durchsetzen konnte: Die Gesundheit seiner Bürger liegt im ureigensten Interesse eines modernen Staates. Nicht nur bezogen auf die wirtschaftliche Bedeutung einer jeden Person, sondern weil ein Staat nur dann als solcher wahrgenommen werden kann, wenn er gewisse Schutzfunktionen für seine Bevölkerung übernimmt.
In Deutschland reifte diese Erkenntnis recht früh heran: Bereits am 15. Juni 1883 verabschiedete der damalige Reichstag das Gesetz, das die erste staatliche Krankenversicherung der Welt einführte. Knapp zwei Jahre, nachdem Reichskanzler Otto von Bismarck die Kaiserliche Botschaft verlesen und somit ein neues Zeitalter staatlicher Versorgung (PDF) eingeläutet hatte. Damals ein revolutionäres Novum mit Modellcharakter.
Erstmalig richtete ein Staat ein System ein, durch das Patienten nicht mehr allein für medizinische Behandlungen aufkommen mussten. Allerdings war dies nicht nur revolutionär, sondern zudem visionär: Deutschlands Politik hatte damals erkannt, in welchem Maß und Tempo die Qualität und die Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung durch die enormen Forschungsanstrengungen der 1800er angestiegen waren. Nur ein staatliches System war finanzkräftig genug, den Bürgern diese Entwicklungen auch zugänglich zu machen. Uneigennützig war Bismarcks Handeln also keineswegs.
Seit damals sind nunmehr zirka 140 Jahre vergangen. Viele Staaten zogen nach und bauten ähnliche Sozialsysteme auf – ebenfalls mit einem Fokus auf die Krankenversicherung. Nicht zuletzt deshalb, weil dem deutschen System immer wieder diverse Fehler angekreidet werden, ist es Zeit für einen Vergleich mit anderen europäischen Herangehensweisen. Vor allem denjenigen von unmittelbaren deutschen Nachbarn, namentlich Frankreich, Dänemark, Luxemburg und Polen.
Aufbau und Struktur
Eine Krankenversicherung übernimmt alle oder zumindest wesentliche Kosten von Behandlungen. Entweder ohne Patientenbeteiligung oder in Form einer Ausgleichszahlung, nachdem der Patient in Vorleistung gegangen ist. Das ist die Basis, die praktisch alle Nationen mit ähnlichen Systemen eint, selbst wenn sich der Leistungsumfang (teils erheblich) unterscheiden kann.
Wie diese Systeme jedoch aufgebaut sind, unterscheidet sich zum Teil bemerkenswert voneinander – selbst wenn man Nationen vergleicht, die zusammen in der Europäischen Union sind. Vergleichen wir dazu Deutschland und drei seiner bedeutendsten Nachbarstaaten.
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Deutschland: Das hiesige System ist ein Pflichtsystem. Das bedeutet, wer seinen festen Wohnsitz in Deutschland hat, muss krankenversichert sein. Für das Wie gibt es jedoch Optionen.
Die bedeutendste Herangehensweise ist die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Sie arbeitet nach dem Solidarprinzip. Bei Arbeitnehmern werden die Beiträge zur Hälfte vom Arbeitgeber übernommen. Zudem sind Kinder und unter Umständen Partner mitversichert. Grundsätzlich steht die Wahl der Krankenversicherung frei und es erfolgt typischerweise nur eine Zuzahlung durch die Versicherten bei Inanspruchnahme. Allerdings existiert ein Leistungskatalog. Er soll sicherstellen, dass die Maßnahmen ausreichend, bedarfsgerecht, dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechend Es gibt also nicht die bestmögliche medizinische Behandlung, sondern „nur“ eine ausreichende.
Die zweite Variante ist die Private Krankenversicherung (PKV), die wiederum andere Konditionen mit sich bringt. Auch hier trägt der Arbeitgeber die Hälfte des Beitrags, allerdings nur bis zum Höchstzuschuss, den er bei einem freiwillig gesetzlich krankenversicherten Mitarbeiter gezahlt würde. Und umfasst die private Krankenversicherung Leistungen, die nicht denen der gesetzlichen Krankenversicherung entsprechen, bleibt dieser Teil bei der Berechnung des Beitragszuschusses unberücksichtigt – daher lohnt es sich, die verschiedenen Tarife miteinander zu vergleichen. Die PKV steht allen Arbeitnehmern offen, deren Gehalt über der jährlich angepassten Versicherungspflichtgrenze liegt. Die meisten Beamten müssen diesen Weg wählen, überdies ist die PKV der Weg für viele Selbstständige, sofern sie nicht als freiwillig Pflichtversicherte die GKV nutzen möchten. In der PKV ist es für Versicherte üblich, in Vorleistung gehen zu müssen, um so die Kosten im Nachgang erstattet zu bekommen. Dafür jedoch gehen die Leistungen typischerweise weit über den Umfang des GKV-Kataloges hinaus.
Praktisch immer ist in Deutschland die Wahl des behandelnden Instituts freigestellt. Krankenkassen können jedoch spezielle (vergünstigte) Hausarzttarife offerieren und dabei mit weiteren Boni locken.
Frankreich: Hier gilt das Régime Obligatoire, das ebenfalls eine gesetzliche Versicherungspflicht bedeutet. Dies teilt sich in ein dreigliedriges System auf:
Das Régime Général als wichtigste Krankenversicherung für die allermeisten Franzosen. Hier müssen Versicherte in Vorleistung gehen und bekommen dann in der Regel 70 Prozent der Kosten zurückerstattet, in Ausnahmefällen sogar 100 Prozent. Hier gibt es ebenfalls einen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil und eine Wahlfreiheit der Versicherung.
Das Régime Agricole als ähnlich aufgebautes System speziell für Berufstätige in der Landwirtschaft.
Das Régime Social des Indépendants, das ausschließlich Selbstständigen und Freiberuflern offensteht.
Der Hausarzt kann dabei frei gewählt werden.
Dänemark: Die Dänen wählten für ihren Weg der Krankenversicherung das skandinavische Modell. Das heißt, das Gesundheitssystem wird direkt aus Steuermitteln finanziert, nicht über die Umwege einer Zahlung in eine Sozialversicherung oder Krankenkasse.
Das bedeutet für die dortigen Einwohner ein sehr übersichtliches System: Wer in Dänemark mit festem Wohnsitz gemeldet ist, ist dort automatisch ungeachtet weiterer Faktoren krankenversichert. Aus diesem Prinzip ergibt sich eine Grundversorgung, die alle wesentlichen Anforderungen übernimmt. Allerdings müssen Volljährige für Zahn- und Augenarztbesuche, Physiotherapien und ambulante verschreibungspflichtige Medikamente Zuzahlungen leisten.
Dabei teilt sich das staatliche Modell (ein wenig wie in Deutschland) in zwei Kategorien auf:
Die erste Kategorie, die auf einem Hausarztmodell basiert. Sie ist für die Mehrheit der Dänen die einzige Krankenversicherung. In diesem Fall müssen Versicherte sich für einen niedergelassenen Arzt in einem zehn-Kilometer-Radius um ihren Wohnort entscheiden und diesen in den meisten Fällen zuerst aufsuchen.
Die zweite Kategorie, die eine freie Arztwahl gestattet. In diesem Fall darf der Medizinier jedoch höhere Tarife verlangen, die Differenz zu den Kosten der ersten Kategorie muss durch den Patienten beglichen werden.
Möglich ist es zudem, private Zusatzversicherungen abzuschließen, die die nicht von der normalen Versicherung abgedeckten Kosten übernehmen.
Polen: Hier gibt es nur eine Krankenkasse, der Nationale Gesundheitsfonds (NFZ). Er untersteht dem Gesundheitsministerium. Jeder Berufstätige ist automatisch pflichtversichert und muss acht Prozent seines Lohnes einzahlen. Die Beträge von Arbeitslosen werden von den Sozialbehörden übernommen. Dafür zahlt der NFZ für einen Katalog von Leistungen, bei denen häufig Zuzahlungen anfallen, da jährlich nur eine bestimmte Anzahl von medizinischen Leistungen durch die acht Prozent gedeckt werden.
Versicherte müssen einen sogenannten Familienarzt als Hausarzt wählen und werden angehalten, diesen grundsätzlich zuerst aufzusuchen. Insgesamt lassen sich bei der polnischen Herangehensweise noch viele Spuren des „alten“ Systems finden, das zu Zeiten der kommunistischen Diktatur herrschte. Aus diesem Grund unterliegt Polen diesbezüglich ständiger Kritik. Das Gesundheitssystem gilt als veraltet und leistungsschwach.
Kosten und Ausgaben
Eine der wichtigsten Kenngrößen für ein staatliches Gesundheitssystem ist die Kostenstruktur. Allerdings ist hierbei Vorsicht bei der Bewertung geboten: Hohe Ausgaben allein lassen keinerlei Rückschlüsse auf die Qualität des Prinzips zu. Ein Versicherungssystem kann durchaus enorme Geldmengen verschlingen und dennoch nur geringe Leistungen bieten, weil es ineffizient arbeitet oder nicht gut strukturiert ist. Zudem tragen verschiedene andere Faktoren aufseiten der Patienten und der Sozialstruktur eines Landes ebenfalls dazu bei.
Da sich die realen Werte durch verschiedene Faktoren erheblich voneinander unterscheiden können, ist ein Vergleich über die Gesamtsummen nicht zielführend. Der internationale Vergleich erfolgt diesbezüglich über die Gesundheitskosten als prozentualer Wert des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die aktuellen Zahlen hierzu entstammen dem Statistischen Bundesamt aus dem Jahr 2018. Die drei im vorherigen Kapitel genannten Länder wurden fett markiert; Dänemark wurde in der Übersicht nicht vom Statistischen Bundesamt berücksichtigt:
Deutschland:
11,47 %
Frankreich:
11,26 %
Österreich:
10,32 %
Spanien:
8,99 %
Italien:
8,67 %
Tschechien:
7,65 %
Polen:
6,33 %
Rumänien:
5,56 %
Luxemburg:
5,29 %
Warum hierbei teils recht hohe Summen gezahlt werden, hat verschiedene Gründe:
Gesundheitsleistungen werden per se teurer, weil immer neue Methoden, Medikamente, Therapien usw. entwickelt werden.
Menschen werden immer älter. Erfahrungsgemäß sind die Gesundheitskosten pro Kopf in den letzten Lebensjahren am höchsten. Je länger ein Mensch lebt, desto größer wird dieser Faktor. Vor noch nicht allzu langer Zeit verstarben viele Menschen, weil es keine Heilungschancen gab. Heute indes leben sie länger, benötigen deshalb über einen längeren Zeitraum medizinische Behandlungen.
Viele Nationen befinden sich derzeit in einer Phase, in der die besonders geburtenstarken Jahrgänge der Baby-Boomer-Generation (ca. 1946 bis 1964) ein solches Alter erreichen. Entsprechend groß sind die Gesamtausgaben. Dies gilt besonders stark dort, wo ein herausforderndes Bevölkerungssaldo für eine vergleichsweise geringe Zahl von Menschen im berufstätigen Alter sorgt.
Zudem muss ein stark gestiegenes Gesundheitsbewusstsein innerhalb der Bevölkerungen einbezogen werden. Immer mehr Menschen tendieren dazu, deutlich stärker auf ihre Gesundheit zu achten und nehmen dafür Leistungen des Krankenversicherungssystems in Anspruch.
Dem gegenüber steht eine steigende Anzahl von Zivilisationskrankheiten (PDF), welche die Systeme ebenfalls finanziell belasten. Krankheiten also, die vor allem durch die verschiedenen Ausprägungen eines modernen westlichen Lebensstils hervorgerufen werden. Beispielsweise Übergewicht, in dessen Folge unter anderem Erkrankungen des kardiovaskulären Systems entstehen, die teils sehr hohe Krankheitskosten verursachen.
Nicht zuletzt muss hierbei die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Nation per se betrachtet werden: Selbst sehr hohe Kosten in absoluten Summen schlagen sich prozentual nicht so stark nieder, wenn das BIP insgesamt ebenfalls sehr hoch ist. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist das luxemburgische Gesundheitssystem. In dem oben gezeigten Vergleich rangiert es als „günstigstes“ System im Länder-Ranking, ist tatsächlich sogar innerhalb der ganzen EU das mit dem geringsten Anteil am BIP.
Allerdings liegt dies nicht an einer schlechten Qualität. Im Gegenteil, in Luxemburg müssen alle Beschäftigten ohne Ansicht der Beschäftigungsart in das Sozialversicherungssystem einzahlen. Dadurch erhalten sie sowie ihre abhängigen Familienmitglieder einen umfassenden Versicherungsschutz. Er beträgt zwischen 80 und 100 Prozent, die nach Vorleistung dem Versicherungsnehmer erstattet werden. Einige spezielle Kosten werden sogar direkt übernommen, ohne Vorleistung – etwa Krankenhauskosten.
Warum Luxemburgs System dennoch einen so kleinen Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat, liegt am Zusammenspiel aus der Bevölkerungszahl des Landes und seiner Wirtschaftsleistung. 2021 beispielsweise hatte Luxemburg gleich nach Liechtenstein das mit Abstand höchste BIP pro Kopf in Europa zu vermelden – 114.370 Euro. Zum Vergleich: In Dänemark waren es 57.140 Euro, in Deutschland 42.920, in Frankreich 36.520 und in Polen nur 14.940.
Qualität, Leistung und Gesundheitszustand
Die wichtigste Leistung, die ein Gesundheitssystem erbringen muss, ist es, den Gesundheitszustand einer Bevölkerung durch ein angepasstes Leistungsspektrum auf adäquatem Niveau zu halten. Erst in zweiter Linie muss dies auch effizient geschehen – zumindest nach Ansicht vieler Mediziner.
Doch wie lassen sich die Gesundheitssysteme verschiedener Länder auf einer wissenschaftlich tragfähigen Basis miteinander vergleichen – vor allem, weil es keine zwei Nationen mit einer wirklich deckungsgleichen Herangehensweise gibt? Dieser wahren Mammutaufgabe widmete sich zuletzt der schwedische Thinktank Health Consumer Powerhouse.
Dort entwickelte man ein Rankingsystem basierend auf 48 verschiedenen Indikatoren. Das Ergebnis ist der Euro Health Consumer Index (EHCI), der zuletzt 2018 veröffentlicht wurde. Insgesamt sechs verschiedene Kategorien werden mit maximal 1.000 Punkten bewertet. Am Ende erfolgt das Ranking über die Gesamtpunktezahl. Bewertet wird hier Folgendes:
Patientenrechte und -informationen,
Zugänglichkeit (etwa in Form von Wartezeiten auf Behandlungen),
Behandlungsergebnisse (etwa Überlebensraten bestimmter Erkrankungen oder die Säuglingssterblichkeit),
Reichweite und Umfang der Gesundheitsleistungen (etwa der Grad sozialer Gleichbehandlung in medizinischer Hinsicht),
Vorsorgequalität und
pharmazeutische Qualität.
Bezogen darauf verteilt sich die Qualität der Gesundheitssysteme der in diesem Artikel genannten Nationen sowie der beiden Top-Platzierten folgendermaßen:
Land
Schweiz
Niederlande
Dänemark
Luxemburg
Frankreich
Deutschland
Polen
Platzierung
1
2
4
7
11
12
32
Gesamtpunkte
893
883
855
809
796
785
585
Patientenrechte
113
125
121
100
104
104
79
Zugänglichkeit
225
175
175
188
188
163
138
Ergebnisse
278
256
267
244
233
244
167
Reichweite
99
125
120
109
104
83
57
Vorsorge
95
113
95
95
83
101
89
Pharmazeutik
83
89
78
72
83
89
56
An diesen Ergebnissen zeigt sich, dass die Leistungsfähigkeit eines Gesundheitssystems sowohl ein Gesamtergebnis sein als auch eines, das in bestimmten Bereichen besser oder schlechter sein kann. Beispielsweise das Thema Vorsorge, bei dem Deutschland deutlich mehr Punkte als die erstplatzierte Schweiz bekam. Allerdings ist EHCI nicht unumstritten. Unter anderem wird eine als willkürlich empfundene Verteilung möglicher Maximalpunkte innerhalb der einzelnen Kategorien kritisiert und die Verteilung als zu wenig an der medizinischen Realität orientiert bewertet – dem, was den meisten Patienten wirklich wichtig sei.
Eine weitere, sehr bedeutsame und detaillierte Arbeit, die ebenfalls die Qualität der Gesundheitssysteme bewerten kann, ist die Global Burden of Disease Study (GBD). Hierzu tragen tausende Wissenschaftler regelmäßig Daten aus den meisten Ländern der Erde zusammen, um jede Nation bezüglich der vorherrschenden Erkrankungen, sowie Todesursachen und Lebenserwartung zu bewerten.
Deutlich nüchternere, aber nicht minder wichtige Fakten stammen aus den Händen von Eurostat. Sie geben einen interessanten Einblick in die Gesundheitssysteme der Länder hinsichtlich einiger wichtiger Zahlen – allerdings werden viele Daten nur unregelmäßig erhoben. Daher gibt es keinen aktuellen Überblick. Die dargestellten Werte stammen alle aus den 2010er Jahren. Etwas aktuellere Daten liefert keine offizielle europäische Behörde, sondern, vielleicht etwas überraschend, die US-amerikanische Central Intelligence Agency (CIA) – der US-Auslandsgeheimdienst. Er veröffentlicht regelmäßig einen statistischen Welt-Almanach.
Land
Dänemark
Luxemburg
Frankreich
Deutschland
Polen
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner
19,7
22,6
21,6
22,3
23,1
Ärzte pro 1.000 Einwohner
4,01
3,01
3,26
4,25
2,38
Lebenserwartung bei Geburt (Jahre)
81,24
82,56
82,19
81,12
78,27
Todesfälle pro 1.000 Einwohner
9,45
7,31
9,57
12,1
10,64
Rate adipöser Erwachsener (Prozent)
19,7
22,6
21,6
22,3
23,1
Deutschlands Standing, Deutschlands Baustellen
Angesichts all dieser Daten scheint sich in mancherlei Hinsicht ein eher düsteres Bild von Deutschlands Gesundheitssystem zu zeigen. Doch ist dies ein berechtigter Vorwurf? Einmal mehr ist es für eine seriöse Betrachtung nötig, sowohl das Gesamtbild als auch die einzelnen Positionen einzubeziehen. In diesem Zusammenhang ist eine Betrachtung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2020 die aktuelle Zusammenfassung.
Positiva:
Der universelle Schutz: Bis auf weniger als 100.000 Menschen hat in Deutschland ausnahmslos jeder einen Zugang zu einem Krankenversicherungssystem. Dadurch gibt es keine Benachteiligung für Personengruppen gleichwelcher Art.
Leistungsfähigkeit: Selbst der Basisschutz in Form der GKV ist qualitativ gut. Es gibt keinerlei Grenzen hinsichtlich der Kosten oder Häufigkeit von Behandlungen. Es gilt das Maß „bis der Patient gesundet ist“.
Fachkräfte: Insbesondere bei den Ärztezahlen ist Deutschland überdurchschnittlich gut aufgestellt. Das eher mittelmäßige Verhältnis von Medizinern zu Krankenhausbetten erklärt sich nur durch die enorm große Anzahl letzterer.
Kostenverteilung: Von allen Gesundheitskosten in Deutschland müssen nur 13 Prozent durch die privaten Haushalte getragen werden. Der Löwenanteil wird durch die Versicherungen sowie staatliche Programme beigesteuert.
Zahlungsmodalitäten: In der gesetzlichen Krankenkasse müssen Patienten niemals in Vorleistung gehen und nur in einem recht geringen Maß Zuzahlungen leisten. Vor allem bei einkommensschwächeren Menschen sorgt dies für eine generell größere Bereitschaft, speziell was vorbeugende Maßnahmen anbelangt. In vielen anderen Ländern, in denen die Krankenversicherungen zwar ebenfalls zahlen, die Patienten aber in Vorleistung gehen müssen, ist dies nicht der Fall.
Systemdualität: In kaum einem anderen Land (weltweit) haben Einwohner eine so umfassende Möglichkeit, das gesetzliche Gesundheitssystem zu verlassen und in ein privat getragenes System zu wechseln. Die Wahlfreiheit ist deshalb vorzüglich.
Systemzugang: Deutsche müssen aus verschiedenen Gründen nur höchst selten auf Behandlungen verzichten, weil die Kosten zu hoch oder die Wartezeiten zu lang sind. Besonders dieser Faktor wird in Deutschland oft stark verzerrt wahrgenommen. Studien gehen davon aus, dass beispielsweise weniger als ein Viertel aller deutschen Patienten länger als einen Monat auf einen Facharzttermin warten muss.
Negativa:
Regionale Ungleichheit: Deutschlands Versorgungsdichte unterscheidet sich dramatisch zwischen urbanen und ländlichen Regionen.
Hausärztemangel: Es gibt hierzulande zwar viele Mediziner, jedoch absolut und prozentual nur wenige Hausärzte. Besonders auf dem Land resultiert dieser Mangel in einer hohen Zahl von Einwohnern pro verfügbarem Arzt, was die Behandlungsqualität mitunter vermindern oder zumindest verkürzen kann.
Pflegekräftemangel: Die Anzahl der Ärzte insgesamt täuscht häufig über eine zu geringe Zahl nachgeschalteter Pflegekräfte hinweg.
Krankenhausgröße: Deutschland hat zwar viele, aber eher kleine Krankenhäuser. Diese haben weniger Personal und Ausstattung. Dadurch liegt nicht zuletzt die Sterblichkeit in der Akutversorgung über dem Durchschnitt.
Stationäre Aufenthalte: Die eher unterentwickelte Akutversorgung sorgt für eine überdurchschnittlich hohe Zahl von stationären Einweisungen. Dies verschlingt unnötige Summen und bindet Personal.
Primär bedeutet das, dass Deutschlands Gesundheitssystem bei Weitem nicht so schlecht ist, wie es vor allem medial oft gemacht und von vielen Menschen empfunden wird. Wahr ist zwar ein Leistungsunterschied zwischen GKV und PKW. Sich darüber zu echauffieren, ist allerdings aufgrund der im internationalen Vergleich guten Qualität der GKV nicht realistisch.
Was Deutschland tun muss, ist vor allem die Wertigkeit aufzubessern. Für das, was Menschen hierzulande bekommen, sind die Kosten recht hoch. So empfiehlt die OECD in ihrem Artikel, die Primärversorgung zu verbessern, wodurch teurere stationäre Aufenthalte vermieden werden könnten, was sich wiederum positiv in der insgesamten Versorgungsqualität niederschlagen würde.
Ebenfalls von hoher Bedeutung wäre eine Stärkung des allgemeinmedizinischen Bereichs. Mehr Hausärzte und nicht zuletzt ein verbesserter Zugang zu telemedizinischen Angeboten könnten hier sowohl viele Probleme gleichzeitig entschärfen als auch eine insgesamt noch bessere Zugänglichkeit garantieren.
Zusammengefasst
Das deutsche Gesundheitssystem ist weder ineffektiv noch insgesamt zu teuer oder qualitativ minderwertig. Ganz im Gegenteil, im europäischen und globalen Vergleich ist das deutsche System nach wie vor gut aufgestellt. Deutschland hat vor allem ein Problem mit in einigen Teilen ineffizienten Kostengestaltungen und -verteilungen. So nehmen reine Verwaltungsaufgaben einen zu großen Anteil der Gesamtausgaben ein. Hier ließen sich ohne jede Beitragssteigerung sehr viele Mittel freimachen, indem schlicht die Verwaltung gestrafft und effizienter gemacht wird.
Diese wenigen echten Baustellen sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland nach wie vor ein Gesundheitssystem hat, das von sämtlichen Experten als deutlich besser bewertet wird, als sein Ruf im eigenen Land es vermuten lässt. Kein Gesundheitssystem ist perfekt, die Fehler Deutschlands liegen jedoch vor allem in einer partiell ineffektiven Mittelverwendung. Andere Länder haben diesbezüglich deutlich größere Probleme und viel mehr Nachholbedarf.
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