Im Sommer 1415 war das Papsttum in der Talsohle seiner Geschichte angekommen: Das Konzil von Konstanz hatte seine Oberhoheit über die Päpste dekretiert, die regelmäßige Einberufung neuer Kirchenversammlungen vorgeschrieben, die als eine Art Aufsichts- und Kontrollrat der Kurie fungieren sollten, und damit die juristische, moralische und intellektuelle Vorrangstellung in der Kirche gewonnen. Der neue Papst Martin V. (1417–1431), der am 11. November 1417 von den Kardinälen und Abgeordneten des Konzils gewählt wurde, war damit auf eine Rolle beschränkt, die man modern als die eines konstitutionellen Monarchen bezeichnen könnte: Seine Macht war delegiert, und falls er mit seiner Amtsführung nicht den Vorstellungen des Konzils entsprach, konnte er von diesem abgesetzt werden.
Damit waren mehr als 1000 Jahre des mehrfachen Ausbaus päpstlicher Vorherrschaft wie ausgelöscht: dieser Primat, die alleinige Herrscher- und Richtergewalt der Päpste über die Kirche, die Oberaufsicht über die weltlichen Machthaber einschließlich des Rechts, diese abzusetzen, und die mühsam errungene und immer noch gefährdete Regierung des Kirchenstaats – all das schien jetzt hinfällig geworden zu sein. Und dennoch gelang es den Päpsten, innerhalb von nur einem Menschenalter ihre alte Führungsstellung nicht nur zurückzuerobern, sondern in vielerlei Hinsicht weiter auszubauen. Für dieses erstaunliche Comeback, das die Machtverteilung in der Kirche bis heute bestimmt, waren vor allem sechs Faktoren ausschlaggebend. …
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