Delbrück reagierte fasziniert und machte sich auf die Suche nach diesem Atom der Biologen, und am Ende der 1930er-Jahre hatte er es gefunden. Er war auf Viren gestoßen, die Bakterien angreifen und mehr oder weniger auffressen, weshalb sie Bakteriophagen oder kurz Phagen genannt wurden. Delbrück konnte – in Kooperation mit dem Italiener Salvatore Luria – zeigen, was damals viele überraschte und heute eher trivial klingt, dass sowohl Bakterien als auch Viren über Erbmaterial verfügen und mit ihnen Genetik getrieben werden kann. Die Lebenswissenschaften konnten den Weg zur Molekularbiologie einschlagen, deren Erfolgsgeschichte über die Doppelhelix (1953) und die Gentechnik (1973) bis zum Humanen Genomprojekt (2003) führt. Die Phagen verschwanden dabei immer mehr aus dem Rampenlicht, und das Interesse der Wissenschaft richtete sich auf Onkogene und die Genregulation in menschlichen Zellen.
Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, wie Wilhelm Busch bereits im 19. Jahrhundert gewusst hat. Nachdem man gelernt hatte, immer mehr und immer schneller Sequenzen von DNA-Molekülen zu ermitteln, fiel auf, dass die meisten Gene eines Menschen nicht in seinen Zellen zu finden sind, sondern in den Bakterien des Körpers stecken. Sie bilden in ihrer Gesamtheit sein Mikrobiom, wie man bald sagte. Die Zunft stürzte sich auf dessen Erforschung, um staunend zu lernen, welche Vielfalt an Aufgaben die hier versammelten Bakterien übernehmen: von der Herstellung von Vitaminen bis zur Verdrängung von Krankheitserregern.
Auf die Phagen achtete lange Zeit niemand mehr. Doch dies beginnt sich zu ändern, seit eine Abschätzung gezeigt hat, dass zum Mikrobiom millionenfach Milliarden Phagen gehören, und sich der Gedanke durchsetzt, dass solch eine Menge doch wohl eine Funktion haben sollte. Tatsächlich hat jeder einzelne Mensch sein oder ihr individuelles Virom, wie die etwa 380 Trillionen Viren eines Körpers bezeichnet werden. Sie agieren selektiv und helfen den von ihnen infizierten Bakterien, Angriffen des Immunsystems auszuweichen.
Die Phagen sorgen so für die Gesundheit der Bakterien und damit für die Stabilität des Körpers, in dem sie sich aufhalten. Sie sind damit genau das, was Delbrück gesucht hat, die Atome der Biologie. Viren bestehen wie die Atome aus Kern und Hülle, und sie lassen die Menschen nicht sterben, sondern halten ihr Leben im Gegenteil in Gang. Nicht zu glauben.





