Es ergibt sich, dass von einigen allzu scharf akzentuierten früheren Forschungsmeinungen Abschied genommen werden muss. Wegen des Fortschreitens der Forschung tritt bei bestimmten Sachverhalten und Problemen statt nur weniger Faktoren und Gesichtspunkte eine ganze Anzahl weiterer hinzu, so etwa bei den Ursachen für das Ende der mykenischen Kultur.
Zum anderen begründet die Autorin mit erfreulicher Zurückhaltung oft, dass bisher akzeptierte Meinungen und Behauptungen fragwürdig geworden sind, ohne dass sie anderes, ebenfalls zu Einfaches an ihre Stelle setzte. Das mag gelegentlich zu Unübersichtlichkeit führen, was aber nicht an der Autorin, sondern an der jeweiligen Sachlage liegt. Umgekehrt wird aber auch Manches entschiedener ausgedrückt, als es die Forschungslage nahelegt, so wenn „Ilias“ und „Odyssee“ auf jeweils einen schöpferischen Dichter zurückgeführt werden; hier wäre ein Wort zu der „Homerischen Frage“ gut gewesen, und sei es nur, damit der Standpunkt der Autorin sichtbar wird.
Das Buch ist in einem klaren und anschaulichen Stil geschrieben (nur sollte nicht von einem „abrupten Bruch“ gesprochen werden), bietet eine Fülle neuer Erkenntnisse und hat viele instruktive Abbildungen. Das Literaturverzeichnis besteht nicht bloß aus der Aufzählung ausgewählter wissenschaftlicher Literatur, sondern zu jedem Kapitel gibt es eine kurze Skizze der Forschungslage; es ist abzusehen, dass jede – wünschenswerte – Neuauflage einen merklichen Schritt nach vorne darstellen wird. Es wäre müßig, an dieser Stelle die Auswahl zu besprechen; als einzige Bemerkung sei nur das Bedauern darüber geäußert, dass das Homer-Handbuch von Antonios Rengakos und Bernhard Zimmermann (Stuttgart 2011) nicht genannt ist.
Rezension: Prof. Dr. Wolfgang Schuller




