Nach diesen vier ineinander verstrebten Erscheinungen, die nach Auffassung Blickles dem Alten Europa ein unverwechselbares Profil gegeben haben, ist auch das Buch gegliedert. Es ist mithin kein Werk, das den Leser chronologisch durch die Vergangenheit führt, das Ereignisse und bedeutende Persönlichkeiten vorstellt oder die Geschichte einzelner Staaten verfolgt. Das Buch über das „Referenzsystem Alteuropa“ ist vielmehr eine durch und durch nach Strukturen fragende und damit intellektuell zwar höchst reizvolle, aber auch sperrige und erhebliches Vorwissen voraussetzende Darstellung.
Die großen Stärken Blickles, der zuletzt zwei Bücher über den Bauernkrieg und über Freiheits- und Menschenrechte publiziert hat, liegen in seiner Verbindung von akribischer Quellenarbeit, Analyse und Abstraktion. Ob von den Folgen der 1215 durch das Laterankonzil eingeführten Beichte die Rede ist, die Max Weber einst als eine Institution von geradezu weltgeschichtlicher Bedeutung interpretierte, von Kulturleistungen, Wirtschaftsmentalitäten, Herrschaftsverträgen oder ländlichen Unruhen: stets wird dem Leser an Beispielen der Zusammenhang anschaulich gemacht, zeigen exemplarische Fälle das Allgemeine im Besonderen. Daneben liest sich Blickles Werk freilich auch als ein recht akademischer Forschungsbericht, der eine Fülle gelehrter Stimmen einfängt, abwägt und gedanklich weiterentwickelt.
Den Ergebnissen wird man nicht vorbehaltlos zustimmen wollen. Sind es tatsächlich die Werte „Frieden, Ordnung und Freiheit“ gewesen, die das Alte Europa als Erbschaft dem modernen, mit den Ereignissen in Frankreich 1789 und mit der industriellen Revolution eingeleiteten Europa hinterlassen hat? Gewiss gab es so etwas wie „Strategien der Konfliktvermeidung“ – aber es gab realpolitisch in den Jahrhunderten vor der Französischen Revolution auch eine außergewöhnliche Kriegsdichte in ganz Europa, die die spärlichen Friedensjahre fast als Ausnahme erscheinen ließ. So plausibel die Argumentation über weite Strecken ist – der Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Alten Europa wird sie nicht immer gerecht.
Rezension: Bahlcke, Joachim




