Empfehlenswert auch “Der kleine Darwin” von Ernst-Peter Fischer, der nicht nur Darwins Leben in groben Zügen wiedergibt, sondern dem Leser das große Einmaleins der Evolutionstheorie in seiner bewährten Manier nahebringt: verständlich und flott geschrieben. Auch für den fortgeschrittenen Darwin-Kenner eine gute Zusammenschau.
Das gewaltigste Buchunternehmen in Sachen Darwin ist zweifellos Jürgen Neffes Weltreise auf den Spuren des Naturforschers. Er folgte der Route des Vermessungsschiffes Beagle, mit dem Darwin 1831 bis 1836 die Welt umrundete. Neffe steht auf Bergen, auf denen Darwin stand, geht an Stränden, an denen Darwin ging, geht in Häfen an Land, in denen Darwin an Land ging. Es gibt zwei Ich-Erzähler, Darwin und Neffe, beide dürfen gleichberechtigt sprechen, in vielen Sätzen geht das eine Ich ins andere über – zu unterscheiden lediglich durch die kursive Schreibweise der Originalzitate. Das ist bisweilen gewagt und durchaus gewöhnungsbedürftig. Insgesamt bietet das Buch zu viel Neffe und zu wenig Darwin, der dauernd zwischen den Zeilen versickert, entschwindet, verblasst. Am schwierigsten ist die Unübersichtlichkeit, die durch die assoziative Schreibweise entsteht und durch das Fehlen eines Sachregisters auch nicht besser wird. Biografische und wissenschaftliche Informationen über Darwin werden oft mit Orten verknüpft, die beliebig wirken. Unnötig sind auch manche Übertreibungen. Zum Beispiel, wenn Neffe behauptet, dass Darwin und Kapitän FitzRoy “zu erbitterten Gegnern” wurden, oder wenn er formuliert: “So wenig Gott ihn erhört hat, so wenig muss er nun auf Gott Rücksicht nehmen. In wenigen Jahren wird er die größtmögliche Rache an seinem Schöpfer nehmen. Er wird ihn zur Erschaffung der Kreaturen für überflüssig erklären.” So einleuchtend das klingen mag, mit solch forschen Sätzen formuliert Neffe haarscharf an Darwins Wesen vorbei. Ja, Darwin war unendlich traurig über den Tod seines Töchterchens. Ja, Darwin konnte an keinen biblischen Schöpfergott mehr glauben. Aber: Er war extrem zurückhaltend mit Formulierungen in Glaubensdingen, nicht nur aus Respekt seiner tiefgläubigen Frau Emma gegenüber. So ärgerlich solche Stellen sind, die übers Ziel hinaus schießen, auf vielen anderen Seiten bietet Neffe hervorragende Wissenschaftsgeschichte. Und einen eleganten Ritt durch die Geschichte der Biologie und Geologie bis heute. Er schafft es, mit leichter Hand dem Leser die Plattentektonik zu erläutern oder das Prinzip Symbiose, ob im Ameisenstaat oder im Darm. Auf alle Fälle ist man am Ende dieses besonderen Reiseberichtes um einiges schlauer als zuvor.




Wer Neffe liest (und nicht nur der) sollte unbedingt das Original von Darwin “Die Fahrt der Beagle” konsultieren. Er wird in Darwins Prosa versinken und dem mare Verlag für die Neuübersetzung (2006) danken.
