Dies schrieb der Oberleutnant der Luftwaffe Fritz Hartnagel am 13. September 1939 – knapp zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen – an seine Freundin Sophie Scholl. Obwohl Hartnagel vier Jahre älter als seine zum damaligen Zeitpunkt erst 18jährige Freundin war, fühlte er sich des öfteren in der Rolle eines „kleinen Jungen“, der durch die früh erwachsene Sophie Scholl ständig herausgefordert wurde. Seine festgefügten Vorstellungen eines ehrenhaften „Soldatentums“ lösten sich unter der Erfahrung des Krieges und dem Einfluß seiner Freundin zunehmend auf: eine zutiefst verstörende und verunsichernde Erfahrung, die Hartnagel dennoch schätzte: „Es ist ja letzten Endes auch ein Fortschritt, wenn man das bisher Erlernte als falsch erkennt und deshalb über den Haufen wirft.“
Hartnagels Sohn Thomas veröffentlicht mit der vorliegenden Edition den gesamten, ungemein faszinierenden Briefwechsel eines ungleichen Paares, der 1937 beginnt und mit der Hinrichtung Sophie Scholls im Februar 1943 endet. Selbstverständlich sind die Briefe, die ja nicht für ein späteres Lesepublikum verfaßt wurden, mit zahlreichen Banalitäten des Alltags gefüllt. Sie geben jedoch auch einen faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt zweier sensibler junger Menschen, die sich als wache Zeitgenossen von den offiziellen Parolen des NS-Regimes zunehmend distanzierten. Besonders deutlich wird die frühe weltanschauliche Opposition Sophie Scholls gegenüber dem Nationalsozialismus, die in einem Brief vom September 1940 die bedingungslose Identifikation mit dem eigenen „Volk“ verwarf und „Gerechtigkeit“ als persönlichen moralischen Leitmaßstab definierte. Hier formulierte sie grundlegende Gedanken, die wenige Jahre später in die Flugblätter der „Weißen Rose“ eingingen.
Rezension: Bajohr, Frank




