Auch die Kinder werden frühzeitig ihren Müttern im Montafonertale entrissen. Ein bejahrter Montafoner führt dieselben gleich einer Herde Lämmer außerhalb des Landes“. Der österreichische Volkskundler Josef Rohrer berichtete im Jahr 1796 mit dramatischen Worten von einem Phänomen, das es nicht nur in der Vorarlberger Region Montafon zu diesem Zeitpunkt schon über 150 Jahre gab: vom „Schwabengehen“. Gemeint ist eine Kinderwanderung aus Vorarlberg, Tirol, Graubünden, Liechtenstein und Südtirol nach Oberschwaben, in Teile des Bodenseeraums und des Allgäus. Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zwang die schwierige Lage in ihren Heimatregionen Söhne und Töchter von Bergbauernfamilien im Alter zwischen sechs und 14 Jahren, sich alljährlich von März bis November als Arbeitskräfte zu verdingen. Die saisonale Auswanderung von Erwachsenen, ganzen Familien, aber eben auch von Kindern aus den Alpen nach Schwaben prägte die betroffenen Regionen.
„Daheim war nirgends kein Verdienst“, so umschrieb Hermann Mangott, eines der letzten Schwabenkinder, im Alter von 80 Jahren die Gründe für das Schwabengehen. Aus heutiger Perspektive wird der mittlere Alpenraum häufig als von Natur und Tourismus geprägte Erholungslandschaft wahrgenommen. Über Jahrhunderte waren diese Gebiete jedoch durch die landwirtschaftliche Nutzung als Haupterwerb der ansässigen Bevölkerung geprägt – und der Ertrag war gering. Das Betreiben der Landwirtschaft im alpinen Raum war und ist nur unter erschwerten Bedingungen möglich, da der Großteil der Agrarfläche aus Berggebiet besteht und sich die Vegetationszeit mit steigender Höhe verringert. Andere Faktoren erschwerten diese Lage zusätzlich: Gerade der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert aufgrund der Fortschritte im Gesundheitswesen zunehmende Kinderreichtum – Familien mit über zehn Kindern waren keine Seltenheit – barg zusammen mit der Güterzersplitterung durch die dort praktizierte Realteilung ein hohes Armutsrisiko. Zudem konnten jederzeit Umweltkrisen wie Lawinen- oder Murenabgänge und Überschwemmungen die Not akut verschärfen. …
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 03/2013.
Christine Brugger/Stefan Zimmermann




