Um die zweite Welle der Covid-19-Infektionen zu bremsen, gilt in Deutschland bis Ende November ein „Lockdown Light“: Gastronomiebetriebe und Freizeiteinrichtungen sind geschlossen, Kulturveranstaltungen fallen aus, Treffen von mehr als zehn Personen sind verboten. Geöffnet bleiben dagegen Schulen und Kindergärten, ebenso wie Friseure und Einkaufsläden. Ziel der Maßnahmen ist es, die Zahl der Neuinfektionen soweit zu senken, dass die Gesundheitsämter bei der Kontaktverfolgung wieder hinterherkommen. Zudem soll eine Überlastung der Intensivstationen durch zu viele schwerkranke Covid-19-Patienten vermieden werden. Reichen diese Maßnahmen aus, um die zweite Welle zu stoppen und eine dritte zu verhindern? Oder werden weitere Einschränkungen notwendig?
Weitere Entwicklung simuliert
Das hat ein Team um Jan Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich und Maria Barbarossa vom Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) nun mit mathematischen Simulationen untersucht. Das Ergebnis der Forscher: Würden nach dem vierwöchigen Lockdown alle Einschränkungen aufgehoben, käme es im Verlauf des Winters sehr wahrscheinlich zu einer dritten, deutlich stärkeren Covid-19-Welle. Weitere kurzzeitige „Wellenbrecher-Lockdowns“ dagegen könnten helfen, die Infektionszahlen zu kontrollieren und eine Überlastung der Intensivstationen zu verhindern. Alternativ wären den Simulationen zufolge auch dauerhaft geltende, weniger einschränkende Maßnahmen geeignet, um die Ausbreitung des Virus so weit zu drosseln, dass die Versorgung aller Patienten gewährleistet bleibt.
„Unsere langfristigen Szenario-Modellierungen sind qualitativ zu verstehen und beanspruchen nicht, den realen Verlauf exakt vorherzusagen“, sagt Fuhrmann. „Die Szenarien zeigen aber gut auf, wie sich die Epidemie unter verschiedenen Maßnahmen entwickeln würde. Wir betonen, dass die in den Simulationen vorhergesagten, teils sehr hohen Fallzahlen nur dann eintreten, wenn entsprechende weitere, zur Eindämmung notwendige Maßnahmen nicht getroffen werden. Das wären zum Beispiel lokal begrenzte Shutdown-Perioden, die in den Szenarien bisher nicht berücksichtigt werden.“
Kontaktrate als Maßstab
Konkrete politische Maßnahmen empfehlen die Forscher auf Basis ihrer Daten nicht. Da bislang in der Regel eine Kombination verschiedener Maßnahmen eingesetzt wurde, ist es schwierig, den Effekt einzelner Maßnahmen zu bewerten. Ein Unsicherheitsfaktor ist zudem, wie sich die Bevölkerung in Reaktion auf die Fallzahlen und politischen Vorgaben verhält. Ihren Simulationen legen die Forscher daher unterschiedlich starke Kontaktreduktionen zugrunde, ohne näher zu spezifizieren, wie diese zu erreichen sind.
Als Referenzwert für die Kontaktrate nutzen sie den Spätsommer 2020, als die Fallzahlen niedrig waren und nur wenige Einschränkungen galten. Eine Begrenzung auf 35 Prozent dieser Kontakte definieren die Forscher als „Soft Shutdown“, eine Reduktion auf 25 Prozent als „Strong Shutdown“ und eine Beschränkung auf 15 Prozent als „Severe Shutdown“. Auch für Szenarien ohne Shutdown gehen sie davon aus, dass sich die Kontaktrate während des Winters auf etwa 60 Prozent des Spätsommerwertes reduziert. Den aktuellen „Lockdown Light“ ordnen sie zwischen einem „Soft Shutdown“ und einem „Strong Shutdown“ ein.






