Schon bei der “Spanischen” Grippe im Jahr 1918 beobachteten Mediziner, dass es gerade bei jungen Patienten häufig zu einer fatalen Entgleisung der Immunreaktion auf die Infektion kam. Die Patienten entwickelten dadurch schwere Entzündungen im ganzen Körper, in deren Verlauf Zellen und schließlich ganze Organe zugrunde gingen. Heute weiß man, dass dieser sogenannte Zytokinsturm durch entzündungsfördernde Botenstoffe ausgelöst wird, die bei bestimmten Infektionen in Massen durch die Zellen freigesetzt werden. Dies wiederum aktiviert weitere Immunzellen und kann zu einer ganzen Kaskade von zellzerstörenden und Entzündungen verstärkenden Reaktionen führen. Inzwischen legen Untersuchungen bei Covid-19-Patienten nahe, dass auch Sars-CoV-2 in manchen Fällen einen Zytokinsturm verursachen kann. So zeigen auffällig viele Patienten mit schweren Verläufen hohe Werte von Zytokinen im Blut. Auch die schweren Lungen- und Gefäßschäden könnten zumindest zum Teil auf diese körpereigene Reaktion zurückgehen.
Wie kann man den Zytokinsturm bremsen?
Ausgehend von diesen Beobachtungen haben Maximilian Konig vom Howard Hughes Medical Institute in Baltimore und seine Kollegen sich den Zytokinsturm bei Covid-Patienten näher angeschaut und nach möglichen Ansatzstellen für einen Hemmstoff gesucht. “Ein solcher Angriffspunkt ist der Interleukin-6-Schaltkreis”, erklären die Forscher. “Denn die Konzentrationen für dieses Zytokin unterscheiden sich in der dritten Woche nach Symptombeginn sehr deutlich zwischen den später überlebenden Covid-19-Patienten und denen, die sterben.” Es laufen bereits erste Studien, in denen Mediziner testen, ob Antikörper gegen das Interleukin-6 oder seinen Rezeptor die überschießende Immunreaktion verhindern können. Für das Antikörperpräparat Tocilizumab habe es bereits erste vielversprechende Ergebnisse gegeben. Damit behandelte Patienten mussten weniger häufig beatmet werden, berichten Konig und sein Team. Allerdings ist Tocilizumab extrem teuer und kann schwere Nebenwirkungen hervorrufen. “Diese Strategie wird daher wahrscheinlich nur für ausgewählte Patienten in den Industrieländern in Frage kommen”, so die Forscher.
Sie haben daher nach einem anderen Ansatzpunkt gesucht und richteten ihre Fokus nicht direkt auf das Interleukin, sondern stattdessen auf die Katecholamine. Diese Botenstoffe werden ebenfalls von Immunzellen abgegeben und fachen den Zytokinsturm weiter an: “Die Katecholamine fördern die Produktion von Interleukin-6 und anderen Zytokinen durch eine sich selbst verstärkende Rückkopplung”, sagen Konig und seine Kollegen. “Wenn dieser Prozess einmal in Gang kommt, lässt er sich kaum mehr abschalten.” Doch es gibt Medikamente, die diese Katecholamin-“Lawine” blockieren könnten, bevor sie zu stark an Fahrt gewinnt. Dabei handelt es sich um sogenannte Alphablocker, eine Klasse von Arzneimitteln, die häufig gegen Bluthochdruck oder bei vergrößerter Prostata verschrieben werden. Diese Mittel blockieren eine Andockstelle, die das Katecholamin für seine zytokinfördernde Wirkung benötigt.





