Italien und Spanien waren die abschreckenden Beispiele: Sie erlebten schon zu Beginn der Corona-Pandemie so rapide Anstiege der Covid-19-Fallzahlen, dass dies Kliniken und Gesundheitssystem überforderte. Die drastischen Szenen aus italienischen Krankenhäusern führten dazu, dass auch hierzulande die Sorge vor einer solchen Eskalation wuchs. Unter anderem deshalb beschloss die Bundesregierung – ähnlich wie zuvor schon die Regierungen anderer Länder – einen weitgehenden Lockdown: Schulen und Geschäfte wurden geschlossen, Veranstaltungen verboten und Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren erlassen. Inzwischen wurden viele dieser Maßnahmen wieder gelockert und auch die große Welle der Covid-Fälle blieb in Deutschland aus. Das jedoch weckt bei einigen Menschen nun Zweifel daran, ob die harten Maßnahmen überhaupt nötig waren: Wäre die Epidemie möglicherweise ohnehin weniger dramatisch ausgefallen, als es anfänglich postuliert wurde?
Blick zurück auf die Epidemie-Entwicklung
Wissenschaftler bezeichnen diese Zweifel als Präventionsparadox: Gerade weil vorbeugende Maßnahmen greifen, gibt es keine Belege zu ihrer Wirksamkeit. Denn die ohne diese Maßnahmen befürchteten Folgen bleiben ja aus. Das macht es meist schwer, im Nachhinein zu beweisen, dass die Einschnitte nötig und wirksam waren. Doch im Fall der Corona-Epidemie gibt es bei uns in Deutschland eine Möglichkeit, die Wirksamkeit der Maßnahmen auf den Epidemieverlauf zu überprüfen: Weil das öffentliche Leben in drei zeitlich getrennten Schritten heruntergefahren wurde, kann man für jedes dieser Maßnahmenpakete nachvollziehen, ob es einen Einfluss auf die Übertragungsrate und die Zahl der Neuinfektionen hatte. Genau dies haben nun Forscher um Jonas Dehning vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen untersucht.
Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler die Covid-19- Fallzahlen in Deutschland aus und verglichen die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 in vier Phasen der Epidemie: Vor Beginn der Maßnahmen, nach der Absage großer öffentlicher Veranstaltungen um den 8. März 2020, nach der Schließung von Bildungseinrichtungen und vielen Geschäften am 16. März und nach der weitreichenden Kontaktsperre am 22. März. Dabei rechneten sie mit ein, dass Neuinfektionen in der Regel erst mit gut einer Woche Verzögerung gemeldet werden, weil die Symptome erst nach fünf bis sechs Tagen auftreten und dann bis zum Testergebnis noch einmal bis zu drei Tage vergehen. Mithilfe eines epidemiologischen Modells ermittelten die Forscher die Ausbreitungsrate des Coronavirus in Form mehrerer Kennzahlen, darunter die Reproduktionsrate und die Wachstumsrate. Die Wachstumsrate gibt die Zahl der Neuinfektionen minus der Zahl der Genesenen an. “Wenn die effektive Wachstumsrate größer ist als Null, steigen die Fallzahlen exponentiell, ist sie kleiner als Null, dominiert die Genesung und neue Fälle gehen zurück”, erklären Dehning und sein Team.





