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Corona-Ferien für die Natur
Die Welt in Zeiten von Corona: Was sich Umweltaktivisten nicht hätten träumen lassen, wurde plötzlich Realität. Fabriken standen wochenlang still, der kommerzielle Flugverkehr kam zum Erliegen, die Kreuzfahrtschiffe gingen vor Anker, und die Straßen blieben leer. Wie stark dieser Einschnitt war, zeigt der Absturz des Bruttosozialprodukts. In Europa rechnet die EU-Kommission für dieses Jahr mit einem Minus von 8,3 Prozent – „ein ökonomischer Schock“, wie Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni sagt.
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von KLAUS JACOB
Die Welt in Zeiten von Corona: Was sich Umweltaktivisten nicht hätten träumen lassen, wurde plötzlich Realität. Fabriken standen wochenlang still, der kommerzielle Flugverkehr kam zum Erliegen, die Kreuzfahrtschiffe gingen vor Anker, und die Straßen blieben leer. Wie stark dieser Einschnitt war, zeigt der Absturz des Bruttosozialprodukts. In Europa rechnet die EU-Kommission für dieses Jahr mit einem Minus von 8,3 Prozent – „ein ökonomischer Schock“, wie Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni sagt.
Doch was bedeutet dieser zeitweise Stillstand für die Umwelt und die Natur? Dies kann nur ein Zwischenbericht sein, denn das Virus ist weltweit auf dem Vormarsch. Auch wenn in vielen Industrieländern inzwischen wieder so etwas wie Normalität eingekehrt ist, könnte eine zweite Seuchenwelle die Nationen abermals zum Stillstand zwingen. Und dass es dazu kommt, ist zu befürchten – vor allem in der kalten Jahreszeit, sagen Virologen.
Kohlendioxid
Der erste Blick gilt dem Klima, das im Zentrum der Umweltprobleme steht. Was die Bewegung um Greta Thunberg nicht geschafft hat und Ökonomen für Fantasterei hielten, hat ein winziges Virus vollbracht: Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid ging erheblich zurück. Allerdings ist es nicht einfach, den Effekt exakt zu berechnen, weil die einzelnen Länder ihre Emissionen nicht kontinuierlich ermitteln, sondern erst am Ende des Jahres Bilanz ziehen. Eine internationale Forschergruppe um Corinne Le Quéré von der britischen University of East Anglia hat deshalb eine Abschätzung vorgenommen. Die Wissenschaftler unterteilten die Ökonomie in sechs Sektoren: Kraftwerke, Industrie, Verkehr, öffentliche Einrichtungen, Luftfahrt und Wohngebäude. Die Luftfahrt war am meisten betroffen, kommerzielle Flüge fanden kaum noch statt. Allerdings steuern Flugzeuge nur 2,8 Prozent zur globalen Treibhausgas-Emission bei, sodass dieser Anteil kaum ins Gewicht fällt.
Den größten Beitrag zum Klimawandel (44,3 Prozent des emittierten CO2) steuert die Energieversorgung mit ihren Kohle- und Ölkraftwerken bei. Auch hier gab es einen starken Einbruch, wie die Autofahrer an ihrer Tankstellenrechnung ablesen konnten. Die Notierungen für Rohöl fielen ebenfalls drastisch und kippten zeitweise sogar ins Minus. Der CO2-Rückgang in diesem Sektor fiel je nach Nation und den dortigen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung unterschiedlich aus: zwischen 5 und 25 Prozent.
Ein weiterer großer Block war der Verkehr, der 20,6 Prozent zur Kohlendioxid-Emission beiträgt. Da die Straßen vielerorts wie leergefegt waren und weder Lastwagen noch Pkw fuhren, gab es auch hier erhebliche Reduktionen von bis zu 65 Prozent. Viele Industriebetriebe standen still, und öffentliche Gebäude blieben verwaist. Hier betrug der CO2-Rückgang 25 bis 50 Prozent. Dagegen verzeichneten die privaten Haushalte einen geringen Zuwachs, weil viele Menschen im Homeoffice arbeiteten und mehr als sonst selbst kochten. Dieser Posten ist allerdings nur klein.
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Insgesamt nahmen die CO2-Emissionen auf dem Höhepunkt der Pandemie weltweit um rund 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab und fielen auf Werte zurück, wie man sie zuletzt 2006 gemessen hatte. Doch der Lockdown war befristet, sodass die Zahlen rasch wieder nach oben kletterten. Für das gesamte Jahr rechnen die Experten mit einer Reduktion von 4 bis 7 Prozent. Die Effekte für die Natur sind nicht allzu groß. Denn das ist nicht mehr als der Beitrag, den die Weltgemeinschaft jedes Jahr leisten müsste, um das angestrebte Klimaziel zu meistern. „Wir bräuchten mehr als zehn Jahre einen Corona-Lockdown, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen“, sagt Brigitte Knopf, Generalsekretärin des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC).
Klimaziele
Fraglich ist, ob der Lockdown langfristig überhaupt einen Einfluss auf das Klima hat. Möglicherweise unterläuft er sogar die Anstrengungen für den Klimaschutz. Deutschland will zwar beim Anschieben der Wirtschaft den Klimawandel im Auge behalten, und der „Green Deal“ von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen sieht vor, dass Europa bis 2050 klimaneutral ist. Doch die Pandemie hat es schwerer gemacht, die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, weil die Kassen leer sind. Die Umstellung auf grüne Energie ist teurer, als bei den klassischen Brennstoffen Kohle und Öl zu bleiben.
China, der größte CO2-Emittent, hat sich bereits ein Stück weit von seinem grünen Weg verabschiedet: Im ersten Quartal dieses Jahres genehmigte der Staat fast so viele Kohlemeiler wie im gesamten Vorjahr. Und Greenpeace kritisiert, dass die staatlichen Corona-Hilfen, die in Europa für das Anschieben der Wirtschaft fließen, auch der Ölindustrie zugutekommen, etwa durch eine Senkung der Verbrauchssteuer auf fossile Brennstoffe. „Es fehlt eine Kontrollinstanz, die dafür sorgt, dass die Mittel klimaschützend eingesetzt werden“, beklagt Greenpeace-Sprecherin Anna-Johanna Arbogast.
Dass eine Wirtschaftskrise nicht geeignet ist, das Klima zu retten, hat die Finanzkrise gezeigt, die vor etwa zehn Jahren die Ökonomie in die Knie zwang. Im Krisenjahr 2009 sanken die CO2-Emissionen um 1,4 Prozent, doch im folgenden Jahr trat die Weltgemeinschaft so kräftig aufs Gaspedal, dass sich der Wert um 5,1 Prozent erhöhte. Am langfristigen Aufwärtstrend änderte sich deshalb nichts.
Stickoxid
Immerhin: Die Luft in den Metropolen der Welt ist durch den Lockdown für ein paar Monate sauberer geworden – ein Segen für viele Millionen Menschen. Vor allem die Konzentration des schädlichen Stickstoffdioxids (NO2) hat abgenommen. Der Satellit Sentinel 5P der ESA misst diesen Schadstoff permanent vom Weltraum aus. Er ermittelt die Summe der Schadstoffmenge in der Troposphäre, also der untersten Schicht der Atmosphäre, die zwischen 8 und 18 Kilometer dick ist. Für die Gesundheit des Menschen ist zwar die Konzentration in Bodennähe entscheidend, doch die Satellitendaten liefern dafür einen recht guten Richtwert. Und sie haben den Vorteil, dass sie unabhängig vom Wind gemessen werden. Am Boden führt dagegen schon eine leichte Brise zu einer lokalen Verdünnung.
Unmittelbar nach dem Lockdown zeigten die Satellitenbilder einen drastischen Rückgang des Reizgases. Nachdem im chinesischen Wuhan am 10. Februar die ersten Quarantäne-Maßnahmen verhängt wurden und in den folgenden Monaten viele Nationen folgten, stürzten die NO2-Werte ab. „Ich habe niemals zuvor einen so drastischen Rückgang gesehen“, sagt Fei Liu, Schadstoffspezialist am Goddard Space Flight Center der NASA.
Ein gutes Beispiel ist China, dieses riesige Land, das besonders stark unter Luftverschmutzung leidet. Im normalen Jahresverlauf sinkt die NO2-Konzentration hier bis zum chinesischen Neujahrsfest, und steigt danach wieder. Dieser Effekt beruht darauf, dass die zunehmende Sonneneinstrahlung nach dem Winter die Verweildauer des Gases in der Luft verkürzt. Das chinesische Neujahrsfest, bei dem alle Betriebe für zehn Tage stillstehen, verstärkt diese Tendenz. Auch in diesem Jahr fiel das Minimum auf das Neujahrsfest, das am 25. Januar gefeiert wurde. Doch danach kletterte die Kurve kaum nach oben. Erst rund zwei Monate später, als der Lockdown aufgehoben wurde, kehrten wieder normale Verhältnisse ein. Während des Stillstands lagen die Werte bis zu 30 Prozent unter dem langjährigen Mittel.
Auch in Deutschland gab es eine Atempause. Das Umweltbundesamt hat die NO2-Werte, die am Boden gemessen wurden, gesammelt und den Einfluss des Wetters herausgerechnet. Demnach ging die NO2-Konzentration während des Lockdowns an stark befahrenen Straßen um 15 bis 40 Prozent zurück. Manche Orte verzeichneten die niedrigsten Werte seit Messbeginn.
Feinstaub
Beim Feinstaub gab es dagegen in Deutschland keine nennenswerten Reduktionen, weil der Verkehr nicht zu den Hauptverursachern gehört und die meisten Autos inzwischen mit Partikelfiltern ausgestattet sind. Das gilt nicht für andere Länder. Metropolen wie Peking oder Kalkutta, wo die gesetzlichen Auflagen weniger streng sind, leiden unter starker Luftverschmutzung. Hier hat der Stillstand der Industrie zu einer merklichen Aufklärung des Himmels geführt.
Der Physiker Ian Marius Peters vom Forschungszentrum Jülich hat für das indische Delhi, eine besonders belastete Stadt, den Effekt der sauberen Luft auf Photovoltaik-Anlagen ermittelt. Denn weniger Luftverschmutzung bedeutet stärkere Sonneneinstrahlung – und mehr Strom. Peters war von der Größe des Effekts überrascht: Nach dem Lockdown am 24. März ging die Feinstaubbelastung um bis zu 50 Prozent gegenüber den Vorjahren zurück, und die Stromausbeute stieg um gut 8 Prozent.
Lärm
Während des Lockdowns ist es stiller geworden, sodass man selbst an Hauptverkehrsstraßen wieder Vögel zwitschern hörte. In Frankfurt am Main, einem internationalen Drehkreuz, machte sich die Flugpause besonders stark bemerkbar. Nach Angaben des Umweltbundesamts sank der Dauerschallpegel im März an der Messstelle Klein-Gerau von 63,2 dB(A) auf 53,4 dB(A). Der Dauerschallpegel ist der gemittelte Wert über den gesamten Monat, der vor allem von der Anzahl der Flugbewegungen abhängt. Der einzelne Überflug ist zwar wesentlich lauter, aber nur von kurzer Dauer. Ein Rückgang um 10 Dezibel ist erheblich, da es sich um eine logarithmische Skala handelt. An anderen deutschen Flughäfen mit weniger Starts und Landungen betrug der Rückgang gegenüber dem Vorjahr rund 5 Dezibel.
Tierwelt
Der Lockdown hatte erheblichen Einfluss auf die Tierwelt. In den sozialen Medien kursierten erstaunliche Geschichten: In Santiago, der Hauptstadt Chiles, soll ein Puma durch die Straßen gestreift sein, in einem städtischen Park von Tel Aviv wurde ein Schakal gesichtet, und im Hafenbecken von Triest tummelten sich Delfine. Die Tiere eroberten Territorien zurück, die der Mensch besetzt hatte. Überall, wo sich sonst Touristen vergnügen, konnte die Natur besonders tief durchatmen. Zum Beispiel auf Mallorca: Die Hotels blieben leer, und die Einheimischen durften ihre Häuser nicht verlassen, es sei denn zum Einkaufen oder für einen Arztbesuch. Die Strände der Ferieninsel, sonst von Touristen geflutet, blieben wochenlang verwaist – nichts als Sand und das leise Plätschern der Wellen. Die Menge an Restmüll ging in den ersten beiden Aprilwochen um 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Weil weniger Dreck ins Meer gelangte, wurde das Wasser ungewöhnlich klar. Und die fehlenden Touristenboote gönnten Delfinen und Walen eine Pause vom Unterwasserlärm. Darüber freut sich Txema Brotons, der wissenschaftliche Leiter der Meeressäugerstiftung Tursiops. Er will die Auswirkungen der unerwarteten Stille auf die Tiere jetzt genau untersuchen.
Er ist nicht der einzige Biologe, der den Lockdown nutzen will, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern aus zahlreichen Forschungseinrichtungen hat sich zusammengetan, um die Auswirkungen auf Tiere zu untersuchen. Es geht ihnen darum, alle Daten zusammenzutragen, die vor, während und nach dem Stillstand aufgezeichnet wurden. Sie erhoffen sich dadurch ein besseres Verständnis über das Zusammenleben von Mensch und Tier. Denn es gibt kaum noch ein Fleckchen Erde, das der Mensch nicht für seine Zwecke nutzt. Manche Tierarten können sich zwar anpassen oder brauchen die Menschen sogar, etwa Ratten oder Stadttauben. Doch andere werden verdrängt oder sterben aus.
Abholzung und Wilderei
Auch wenn noch keine abschließenden Ergebnisse vorliegen, lässt sich schon jetzt sagen: Der Lockdown ließ die Natur nicht nur aufatmen. Zwar grasten Giraffen und Antilopen auf afrikanischen Pisten, wo sonst Safari-Touristen einfliegen. Doch während der Pandemie konnten Naturschützer, Park-Ranger und Kontrolleure ihrer Arbeit nicht nachgehen. Und das nutzten viele Kriminelle aus, wilderten oder schlugen illegal Holz. Auch Menschen, die ihre Arbeit verloren hatten, suchten in der Natur nach neuen Einkommensquellen, um zu überleben.
Nach Angaben des WWF stieg die Zerstörung von Tropenwald im März um 150 Prozent gegenüber den Vorjahren. Die Umweltaktivisten hatten Satellitendaten aus 18 tropischen Ländern ausgewertet. Besonders betroffen sind Indonesien, die Demokratische Republik Kongo und Brasilien. Insgesamt sind in diesem einen Monat dort 645.000 Hektar Wald verschwunden, das entspricht der siebenfachen Fläche Berlins.
Und die Wilderei hat stark zugenommen. Für Indien meldet der WWF ein Plus von 150 Prozent während des Lockdown, wobei die Tiere vor allem wegen ihres Fleischs gejagt wurden. Auch bei der Fischerei befürchtet die Naturschutzorganisation eine Zunahme der illegalen Fänge, da viele Kontrollen ausblieben. So hatten Japan, China und Taiwan auf eine Überwachung verzichtet.
Unerwartete Folgen
„Die massive Stilllegung unserer Gesellschaft sollte man nicht als akzeptable Lösung für dringende und systemische Nachhaltigkeitsprobleme sehen“, sagt Hans Bruyninckx, Exekutivdirektor der Europäischen Umweltagentur (EUA). Was langfristig bleiben wird vom Stillstand, ist schwer vorauszusehen. Wahrscheinlich werden künftig mehr Menschen im Homeoffice arbeiten. Und möglicherweise verlieren Busse und Bahnen auf Dauer an Attraktivität. Nach einer Umfrage des Bundesbildungsministeriums stiegen im Mai ein Drittel der Fahrgäste aufs Auto um und 20 Prozent aufs Fahrrad.
Die Pandemie hat auch Folgen, an die kaum jemand gedacht hätte. So konnten Seismologen ihr Gehör schärfen. Ohne die Erschütterungen von Verkehr und Industrie ging das ständige seismische Hintergrundrauschen der Erde um 20 bis 30 Prozent zurück, wie Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) angaben. So war es möglich, sehr schwache Mikrobeben zu registrieren, die sonst unter dem Dauerlärm verborgen bleiben. Dagegen werden die Atemmasken, die eigentlich schützen sollen, zu einem Problem. Denn viele dieser Einwegartikel, die nur schwer verrotten, enden am Wegesrand oder im Meer. Frankreich verlangt deshalb eine drastische Strafe von 135 bis 750 Euro von den Umweltsündern.
Und dann ist da noch die menschliche Natur, die sich während des Lockdowns von ihrer hässlichen Seite gezeigt hat. Viele Ehen, die vorher halbwegs funktioniert hatten, gingen in die Brüche. Sie verkrafteten das wochenlange enge Zusammensein nicht. Nach einer Erhebung des Berliner Meinungsforschungsinstituts Civey wird sich die Zahl der Scheidungen in Deutschland verfünffachen. Hilfsorganisationen wie der Weiße Ring verzeichnen eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen – und das ist ein weltweites Problem. In Nigeria hat sich die Zahl der Vergewaltigungen während des Stillstands verdreifacht. Da bleibt nur zu hoffen, dass es zu keinem erneuten Lockdown kommt.
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