Der an der Universität Potsdam lehrende Historiker Pedro Barceló benennt indes Gründe, die eine Darstellung über den Kaiser dennoch lohnend erscheinen lassen. Immerhin war Constantius II. der letzte Kaiser, der über längere Zeit tatsächlich über das ganze Römische Reich herrschte, ein Reich, in dem sich wegen der verschiedenen Krisenherde an den Grenzen und der dogmatischen Streitigkeiten innerhalb der christlichen Kirche eine faktische Zweiteilung entlang der Sprachgrenze zwischen dem griechischen Osten und dem lateinischen Westen abzuzeichnen begann. Barceló benennt das Militär und die Kirche als die bestimmenden Machtfaktoren, und folgerichtig waren es immer wieder Kriege und kirchenpolitische Staatsaktionen, die das Agieren des Kaisers erforderten. Dieser Grundgedanke ist aber einer weitgehend chronologischen, von Jahr zu Jahr fortschreitenden Darstellung untergeordnet.
Der Autor weiß sehr wohl, daß eine Biographie dieses Kaisers, der ganz hinter seiner Rolle und Selbstinszenierung verschwand, nicht zu schreiben ist. Doch blitzt – wohl dem angenommenen Publikumsinteresse geschuldet – immer wieder ein biographischer Reflex auf, indem nach prägenden Erlebnissen, Traumatisierungen, persönlichen Motiven gesucht und der „Held“ gegen Schmähungen und Herabsetzungen in Schutz genommen wird. Das Handlungsfeld – und das heißt in diesem Fall: dessen Begrenztheit – skizziert Barceló am deutlichsten für die Religionspolitik, wie schon der Untertitel des Buches signalisiert. Hingegen wird nicht wirklich klar, warum es im spätrömischen Reich so viele eigenmächtige Kaisererhebungen (Usurpationen) gab. Auch Constantius II. blieb davon nicht verschont, obwohl er viel reiste und dabei immer herrscherliche Macht und Entschlossenheit demonstrierte, ohne das Bemühen um Konsens zu vernachlässigen.
Doch sollen derartige Wünsche die Verdienste des schnörkellos geschriebenen Buches nicht schmälern. Gerade in den Kirchenstreitigkeiten, in denen sich theologische Streitfragen, die Machtansprüche charismatischer Bischöfe und der Polyzentrismus der selbstbewußten Großgemeinden gegenseitig aufschaukelten, werden die Schwierigkeiten deutlich, mit denen ein sich betont christlich verstehendes Kaisertum im „Prozeß offizieller Verchristlichung von oben“ zu kämpfen hatte.
Constantius II. hatte an der Transformation des Kaisertums in religiöser und administrativer Hinsicht einen wesentlichen Anteil. Den Zeitgenossen wird seine letzte Entscheidung wichtiger gewesen sein: Als er mit 44 Jahren mitten im Aufmarsch gegen den Herausforderer Julian, den er selbst zum – freilich untergeordneten – Mitkaiser gemacht hatte, schwer an einem Fieber erkrankte, erkannte er auf dem Totenbett seinen Gegner als Nachfolger an. Damit ersparte er dem Reich, ein zweites Mal nach der Schlacht von Mursa (351) in einem Bürgerkrieg 54000 Mann zu verlieren.




