Klaus Bringmann, Autor mehrerer Bücher zum langen Jahrhundert zwischen Tiberius Gracchus und Augustus und seit mehr als 40 Jahren mit Cicero befasst, will die Trennung zwischen dem Politiker und dem Geistesmenschen nicht mitmachen und sucht sie erzählend zu überwinden. Er hat nochmals alle Schriften des homo novus aus Arpinum gelesen und fügt immer wieder erhellende, auch längere Zi‧tate in die chronologisch angelegte Darstellung ein. Ciceros Intimität mit der Rhetorik, politischen Theorie und Philo‧sophie der Griechen deutet er im Zusammenhang mit dessen rhetorischer Frühschrift „De inventione“ als systematisches Problem treffend an, ohne es freilich im gewählten Format ausführen zu können.
Gewiss bot die literarische Produktivität Cicero einen Ausgleich in Phasen erzwungener politischer Untätigkeit und sollte ihm, der abgesehen von seiner rhetorischen Meisterschaft über keine der damals gängigen Machtressourcen verfügte, einen Rang verschaffen, den ihm niemand streitig machen konnte. Auch boten die griechischen Vorbilder etwa in der Lehre von der Mischverfassung oder der planvoll-umfassenden Gesetzgebung Modelle, mit denen sich die disparate und widersprüchliche Wirklichkeit des politischen Betriebs in Rom scheinbar ordnen ließ.
Zu fragen bleibt aber vielleicht schärfer, als Bringmann es tut, ob nicht umgekehrt diese Modelle Cicero zu der irregeleiteten Vorstellung führten, die römische Wirklichkeit müsse sich – auch ohne gewaltsamen Eingriff wie den Sullas – ähnlich konsistent darstellen und gestalten lassen: die „gute alte Zeit“, die formierte Gesellschaft der Gutgesinnten (Optimaten), mit einer Gesetzgebung aus einem Guss und der Gestalt des allgemein anerkannten rectors. Anders gewendet: Blieb der im kleinen Alltagsgeschäft so versierte Cicero nicht nur durch sein Aufsteigertum und seine Volten Außenseiter in der politischen Klasse, sondern auch durch seine Fixierung auf eine Kohärenz?
Bringmann breitet Fakten und Hintergründe mit souveräner Kenntnis detailliert aus. Auch werden finanzielle Verhältnisse, Verflechtungen und Transaktionen immer wieder behandelt, mit vollem Recht und stärker, als das meist üblich ist. Ein eigenes Kapitel über Vermögensgrößen, Geldverkehr und die Besonder‧heiten des personalen Kreditwesens würde das Verständnis jedoch erleichtern; das gilt auch für die politische Kultur. Aber zu erklären, wie die Akteure dachten, sprachen und handelten, hätte den Umfang des Buches vermutlich zu stark anschwellen lassen.
Insgesamt aber überwiegt der Dank für eine Schilderung, die sich von allen Extravaganzen frei hält und gut lesbar ist.
Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter




