Wer unter ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Erschöpfungssyndrom) leidet, fühlt sich meist dauerhaft erschöpft. Hinzu kommt oft eine Reihe weiterer Symptome, darunter Unwohlsein schon nach kleinsten Anstrengungen, Schmerzen in verschiedenen Teilen des Körpers, kognitive Schwierigkeiten, Schwindel, sensorische Empfindlichkeit und eine stark schwankende Körpertemperatur. Ein normales Alltagsleben ist für viele Betroffene nicht mehr möglich. Bis zu einer korrekten Diagnose können allerdings Jahre vergehen; oft werden die Beschwerden als psychosomatisch eingestuft. In Folge der Covid-19-Pandemie ist die Zahl der ME/CFS-Fälle stark angestiegen. Doch auch anderen Ursachen können zu der Erkrankung führen, wobei der Krankheitsmechanismus bislang unklar ist.
Ionenkanal auf Immunzellen im Fokus
„ME/CFS wirkt sich tiefgreifend auf die Lebensqualität aus, aber der Pathomechanismus ist schwer fassbar und es fehlen diagnostische Tests oder evidenzbasierte Behandlungen“, erklärt ein Team um Etianne Sasso von der Griffith University in Australien. Um das zu ändern, haben die Forschenden Blutproben von 36 Menschen mit ME/CFS und 42 gesunden Betroffenen auf Unterschiede untersucht. Dafür isolierten Sasso und ihre Kollegen aus den Proben die natürlichen Killerzellen, eine Gruppe von Immunzellen, und fokussierten sich bei diesen auf einen Ionenkanal namens Transient Receptor Potential Melastatin 3 (TRPM3), von dem bereits früher vermutet wurde, dass er mit der Erkrankung in Verbindung stehen könnte.
Und tatsächlich: „Die Funktion der TRPM3-Ionenkanäle war in den natürlichen Killerzellen von Personen mit ME/CFS signifikant verringert“, berichtet das Forschungsteam. Der Ionenkanal ist vor allem für den Kalziumtransport zuständig. „Wenn er versagt, können die Zellen nicht richtig funktionieren, da die Kalziumsignale für eine gesunde Aktivität der Immunzellen unerlässlich sind“, erklärt Sassos Kollegin Sonya Marshall-Gradisnik. „Unsere Ergebnisse liefern klare und eindeutige wissenschaftliche Beweise dafür, dass die TRPM3-Ionenkanäle bei Menschen mit ME/CFS nicht richtig funktionieren.“
Neue Ansätze für Diagnostik und Therapie
Um die Ergebnisse abzusichern, führten die Forschenden die Tests in mehreren unabhängigen Laboren durch, die alle zum gleichen Resultat kamen. „Das bestätigt TRPM3 als konsistenten Biomarker für ME/CFS“, schreibt das Team. Damit könnten Tests auf die Funktionsfähigkeit des Ionenkanals zukünftig dabei helfen, die Erkrankung zu diagnostizieren und sowohl Betroffenen als auch medizinischem Fachpersonal Sicherheit geben. Zudem könnte der Ionenkanal ein potenzieller Ansatzpunkt für neue Behandlungen sein, die die Zellfunktion und die allgemeine Lebensqualität der Betroffenen verbessern.





