Dass er vor vier Jahren Nonylphenole in Muscheln aus der Nordsee entdeckte, fand der Chemiker Klaus Günther sehr seltsam. Denn diese Substanzen, die beim Zerfall von gebräuchlichen Tensiden aus Haushalts- und Industriereinigern entstehen, sollten nach Angaben der Hersteller vollständig abbaubar sein. Doch auch in Lebensmitteln stecken Nonylphenole: Butter, Schokolade, Kaffee, Hühnchenfleisch, Stachelbeermarmelade, Sahne, Babynahrung, Tomaten, Äpfel – 60 Lebensmittel analysierte der Chemiker vom Forschungszentrum Jülich. Und er wurde jedes Mal fündig. Nur das Trinkwasser war unbelastet. Nonylphenole sind nicht harmlos. Sie verändern bei Tieren die Prostata, senken die Spermienzahl, lassen Uterus und Brustdrüsen wachsen. Föten reagieren besonders empfindlich. Wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen beeinflussen Nonylphenole den Hormonhaushalt von Tieren und vermutlich auch den von Menschen. Aber warum hat man erst jetzt die Substanzen in den Lebensmitteln entdeckt? „Weil es theoretisch über 200 Nonylphenole gibt, die allesamt nur schwer nachzuweisen sind”, erklärt Günther. „Wir haben in manchen Proben über 40 verschiedene Exemplare gefunden.” Ob die mit der Nahrung aufgenommene Menge an Nonylphenolen gefährlich ist, kann derzeit niemand sagen, denn es gibt viele Umweltchemikalien mit hormonähnlichen Effekten. Zudem stellte Andreas Kortenkamp von der Universität London kürzlich fest, dass sich die giftigen Auswirkungen der Chemikalien addieren. „Wir können daher überhaupt keine Voraussagen über das Krebsrisiko und mögliche Grenzwerte machen”, konstatiert Ana Soto von der Tufts University in Boston, die 1989 die hormonelle Wirkung von Nonylphenolen entdeckte. Eine Langzeitstudie über die Wirkung von hormonähnlichen Umweltchemikalien läuft jetzt in der Schweiz. Ana Soto möchte jene Tenside, aus denen die Nonylphenole entstehen, ganz verbannt sehen. Dazu könnte die Jülicher Studie, die in deutschen und europäischen Behördenstuben hohe Wellen schlägt, durchaus beitragen. Günther schlägt vor, „die Uralt-Tenside zu ersetzen. Wir können gemeinsam mit der Industrie High-Tech-Reiniger entwickeln, die zu weit weniger bedenklichen Substanzen zerfallen.”
Hans Groth





