von FREDERIK JÖTTEN
Rote und grüne Algen-Fächer schwingen sanft in der Strömung, dazwischen sitzen gelbe Schwämme, bunte Fische schwimmen umher. Welch vielfältige Bilder eine Unterwasserkamera in der Ostsee einfangen kann, ahnt kaum ein Urlauber, der nur die flachen Sandstrände zwischen Flensburg und St. Petersburg kennt. Denn neben feinem Sand gibt es in der Ostsee auch artenreich belebte Riffe. Diese werden zwar nicht wie das berühmte „Great Barrier Reef“ in Australien von Korallen aufgebaut, also von lebenden Organismen, sondern ihre Grundsubstanz besteht aus Gestein – aber auch sie beherbergen
eine bunte Artenvielfalt von Meerestieren.
„Was wir dort unten finden, ist sehr üppig“, sagt Michael Zettler, Leiter der Arbeitsgruppe für benthische – am Meeresboden lebende – Organismen am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. „Durch die unterschiedlichen Farben der Algen wirkt das wie eine tropische Lebenswelt unter Wasser.“ Blasentang, Grünalgen, Rotalgen und Zuckertang prägen das Bild.
„Je tiefer die Riffe liegen, desto mehr Rotalgen gibt es“, erklärt Zettler, der mit seiner Arbeitsgruppe jedes Jahr die Riffe mittels Kamerafahrten beobachtet. „Ab 20 Meter Tiefe leben keine Algen mehr, weil das Licht fehlt. Die Steine sind dann von Seeanemonen besiedelt.“
Wie sind die Riffe entstanden?
„Der Ostseetrog bekam seine heutige Form durch das Vorrücken der Gletscher während der letzten Eiszeit. Sie haben diese Vertiefung quasi ausgehobelt“, sagt Klaus Schwarzer, Küstengeologe an der Universität Kiel. Als das Gletschereis dann vor mehr als 12.000 Jahren allmählich abtaute, ließ es Geröll und große Findlinge zurück – die Grundsubstanz der Riffe.
Inzwischen gibt es in der Ostsee auch ein künstliches Riff: 1,5 Kilometer vor dem Badeort Nienhagen wurden dort 2003 im Auftrag der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern 1600 speziell konstruierte Betonelemente – außen mit Naturstein verkleidet und innen hohl – sowie rund 2500 Tonnen Naturstein im Meer versenkt. Die hohlen Steine lieferten Meerestieren gute Rückzugsorte. Das Geröll wurde schnell besiedelt, und es entstand das künstliche Riff Nienhagen, das sich in Flora und Fauna heute kaum von den natürlichen Riffen unterscheidet.
Die Ostsee-Riffe sind Inseln des Artenreichtums: Dort leben etwa viermal so viele Arten wie im Sand- oder Schlickboden der übrigen Ostsee. Algen und Seeanemonen können auf dem festen Untergrund mit ihren Haftscheiben andocken. Sie bilden ein Dickicht, das vielen anderen Spezies ökologische Nischen bietet.





