Rüdiger Ahrens gelingt es in seinem Buch „Bündische Jugend. Eine neue Geschichte. 1918-1933“ (eine überarbeitete Version seiner Dissertation), die polemische Verbissenheit der Debatte zu überwinden. Das liegt vor allem daran, dass Ahrens eine konsequent quellennahe Darstellung vorlegt – was in der bisherigen Literatur zur bündischen Jugend weitestgehend fehlte.
Im Zentrum seiner Analyse stehen die Fragen nach der Organisation der Bünde, ihrer Ideologie und den Praktiken des „Bündisch Seins“. Ahrens stützt seine Untersuchung vorrangig auf die systematische Auswertung der zahlreichen bündischen Zeitschriften. Sein Buch stellt somit auch eine wertvolle Grundlagenarbeit zum Schrifttum der Bündischen Jugend dar.
Die Untersuchung ist im Wesentlichen chronologisch in fünf Blöcke gegliedert: „Vorläufer“, „Formierung“, „Konsolidierung und Opposition“, „Offensive und Defensive“ sowie „Nachleben“.
Ahrens zeigt auf, dass sich die Bündische Jugend von Beginn an zu Großem berufen fühlte: Mit dem Selbstverständnis als legitimer Erbin des „Wandervogels“ sah sich die Bündische Jugend als Organisationsform, in der sich die kommende Elite selbst erziehen sollte. Dem 1918 neu gegründeten Staat stand sie skeptisch bis ablehnend gegenüber. Insbesondere Parlamentarismus und Liberalismus wurden von der Mehrheit der Bündner als destruktiv und verunsichernd wahrgenommen. Ihre Loyalität gehörte stattdessen einem mystisch umwitterten Volksbegriff; Selbstaufgabe und Kollektivismus zugunsten dieser „größeren Sache“ wurden zu den Idealen der Bündischen Jugend. Ein vollständiger Bruch mit der Weimarer Republik vollzog sich 1923, als beim Fichtelgebirgstreffen sämtliche die Republik bejahenden Bünde aus der Dachorganisation ausgeschlossen wurden. Fortan verstanden sich die Bünde als Teil des politisch „rechten Lagers“.
Ahrens konstatiert deshalb eine Konsolidierung der Bündischen Jugend unter einem „nationalistischen Leitbild“. Dieses Leitbild habe auch als ideologische Klammer fungiert, welche die in vielen Fragen keineswegs homogenen Bünde zusammengehalten habe.
Er betont aber auch, dass man die Rolle von Ideologie auch nicht überschätzen dürfe. Für die Gemeinschaft der Bündischen Jugend seien Praktiken, welche die ganzheitliche Verbundenheit mit Volk und Nation erfahrbar machen sollten, wesentlich wichtiger gewesen. Besonders hebt er hierbei die sogenannten „Ostfahrten“ im Rahmen der bündischen „Grenzlandarbeit“ sowie das Abhalten von Wehrübungen hervor.
Bei der Einordnung der Bündischen Jugend in die Gesamtgesellschaft der Weimarer Republik kommt Ahrens zu dem Ergebnis, dass sie wesentlich weniger rebellisch war, als sie sich gab. So habe man zwar rhetorisch mit „allem Alten“ gebrochen, gleichzeitig jedoch reichlich Ideologie aus der Elterngeneration aufgesogen (z.B. die Schriften Oswald Spenglers) und sei von dieser wegen ähnlicher Wertvorstellungen auch akzeptiert worden.




