In den nebligen Morgenstunden des 21. März 1918 brach an der Westfront, zwischen Arras und La Fère, nach den vernichtenden Materialschlachten von 1916 (Verdun, Somme) und 1917 (Flandern) noch einmal die Hölle los. Unter dem Codenamen „Michael“ griffen drei deutsche Armeen mit fast 1,4 Millionen Mann den britischen Abschnitt an. Die deutschen Sturmtruppen gaben sich nicht mehr mit dem Niederkämpfen der ersten Linie ab, sondern versuchten, das tief gegliederte Grabensystem möglichst rasch zu durchstoßen. Ziel der Offensive war es, die rückwärtigen Verbindungen der Briten zu bedrohen und sie so zum Rückzug auf die Kanalhäfen zu zwingen. Ein Siegfrieden auf dem Schlachtfeld – das war das Ziel der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff. Zunächst aber stießen die deutschen Truppen in die „Somme-Wüste“ vor, eine Landschaft in der Picardie, die nach den Materialschlachten der vergangenen beiden Jahre zu einem menschenfeindlichen Ödland geworden war. Nach einigen Tagen wilder Panik gelang es der Entente, die Reserven zusammenzuziehen und den Widerstand zu organisieren. Da der Stoß nach Norden nicht zu gelingen schien, entschied sich die OHL noch im Verlauf des Angriffs für einen Schwerpunktwechsel. Im Süden, wo die Offensive am besten vorankam, sollte der Angriff verstärkt werden – statt einer gemeinsamen Schwenkbewegung operierten die drei Armeen jetzt exzentrisch. Ihr Tempo wurde ihnen jedoch zum Verhängnis: Nachschub und Artillerieunterstützung hingen hinter den Spitzen zurück. Die Angriffskraft erschöpfte sich. Je mehr gegnerische Nachschubdepots die hungrigen Soldaten entdeckten, desto geringer wurde ihre Bereitschaft, weiter vorzustoßen. Am 5. April wurde die Operation „Michael“ eingestellt. Auf den ersten Blick war sie ein enormer Erfolg: Der Angriff war bis zu 60 Kilometer weit durchgedrungen, eine Distanz, von der die Befehlshaber der Schlachten von 1916/17 nur hatten träumen können. Die Alliierten hatten 212000 Mann verloren, die britische 5. Armee befand sich in Auflö?sung. Doch die deutschen Verluste waren mit 230000 Mann noch höher. Und im Gegensatz zur Entente konnten die Deutschen nicht auf amerikanische Verstärkung zählen. Die deutsche Armee begann von der Substanz zu zehren. Auch hatte der Vorstoß dazu geführt, daß sich die Frontlinie verlängert hatte. Diese mußte jetzt mit abgekämpften Truppen verteidigt werden. Schließlich war das eigentliche Ziel des Angriffs, die Briten zum Frieden zu zwingen, nicht erreicht worden. Wie war es soweit gekommen? Die 3. Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff – letzterer war als Erster Generalquartiermeister der eigentliche planerische Kopf – gehörte sicher zu den mächtigsten und eigentümlichsten Institutionen des deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg. Die Monate ihrer Herrschaft, von August 1916 bis Oktober 1918, sind wiederholt als eine Militärdiktatur bezeichnet worden. Das Führungstandem im Hauptquartier hatte durch Druck auf den Kaiser erst seinen Vorgänger Falkenhayn aus dem Amt geboxt, dann auch die Reichskanzler Bethmann Hollweg und Michaelis, den Chef des Admiralstabs Holtzendorff, den Chef des Zivilkabinetts Valentini sowie den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Kühlmann. Durch Demontage und eigene Rücktrittsdrohungen entledigte sich die Heeresleitung derer, die sie als hinderlich auf ihrem Weg zum Siegfrieden ausmachte…




