Wenn der Rezensent so ins Buch vertieft ist, dass er im ÖPNV seinen Umstieg versäumt, haben die Verfasser viel richtig gemacht. Erst recht, wenn es sich um ein Sachbuch handelt und dessen Inhalt dem nämlichen Rezensenten wohlbekannt ist. Michael Sommer und Stefan von der Lahr können also ganz zufrieden mit ihrem Projekt sein, das laut Vorwort nahezu wörtlich als Schnapsidee begann, aber schon bald Form annahm.
Die Geschichte der Antike wollten die beiden erzählen. Die Gewalttätigkeit der Epoche sollte der Blickwinkel sein, nicht wissenschaftlich, sondern unterhaltsam sollte das Buch werden und vor allem inhaltlich wie stilistisch nicht nur für ein breites, im Zweifel ohne Vorwissen versehenes Publikum geschrieben sein, sondern zielgerichtet an den Erwartungen vorbei, welche die übliche, humanistisch gebildete Leserschaft eines solchen Werkes hat. Besonders Letzteres ist offenbar gelungen, wie die Besprechung in der FAZ zeigt.
Gewiss, nicht jeder Gag sitzt, und manchmal ist die Kluft zwischen dem immer wieder aufblitzenden Stil, den die beiden Autoren eigentlich pflegen, und der beabsichtigten Schnoddrigkeit so weit, dass es fast schmerzt: „Bruda, machssu mit Schwert, hassu mehr Grip!“ Und doch liest sich das Ganze flüssig und kurzweilig, in der zweiten Hälfte mehr noch als in der ersten.
Auch und gerade ein solches Buch braucht den Mut zu werten: über historische Geschehnisse, über ihre Darstellung in den Quellen und darüber, was mehr, was weniger oder gar keinen Platz im Buch erhält. Es lässt sich dann leicht fragen, ob nicht etwa die Alltagskriminalität, Menschenopfer in Karthago oder – wenn schon die Gladiatorenkämpfe angesprochen werden – die sogenannten Spektakelmartyrien der Christen im 2. Jahrhundert gut ins Buch gepasst hätten. Bestimmt – aber wer das bemängelt, müsste beantworten, was stattdessen hätte wegfallen sollen.
Auch werden manche Einschätzungen irritieren, besonders die Darstellung der athenischen Bürger als gieriger Mob ganz im Sinne der demokratiefeindlichen Überlieferung. Doch geht solche Kritik an der Sache vorbei: Das Buch will ja gerade dazu einladen, sich überhaupt mit der Antike zu befassen. Wer das wirklich tut, wird irgendwann die richtigen Fragen stellen. Der Rest wird auch Sommer und von der Lahr bald vergessen.
Man kann sich noch an der Verve reiben, mit der die beiden Autoren – später als andere – ein idealisiertes Antikebild angreifen. Das scheint aber ein bewusster Strohmann zu sein, wenn man den Schluss liest, in dem die eigene Darstellung gegen den Strich gebürstet wird: Die Antike war auch, aber nicht nur eine Zeit der Gewalt. Damit wecken die Autoren Neugier und fördern eine Eigenschaft, die heute nottut: Ambiguitätstoleranz.
Das Buch kratzt zu Recht an der noch immer vorhandenen Scheu deutscher Wissenschaft, ja nicht zu populär zu sein. Ob es in Zeiten von Insta-Stories und Tiktok-Reels die erreicht, die es erreichen will? Den Autoren die Lösung dieses Dilemmas abzuverlangen, wäre dann doch unfair.
Rezension: Dr. Philipp Deeg
Michael Sommer/Stefan von der Lahr
Die verdammt blutige Geschichte der Antike
Ohne den ganzen langweiligen Kram
Verlag C. H. Beck, München 2025, 364 Seiten, € 26,–




