Im Jahr 1890 hatte die modebewußte Frau es schwarz auf weiß: “Der Wunsch jeder Dame ist es, eine recht schlanke Taille und volle Brüste zu haben. Jede, die auf Eleganz Wert legt – und wer täte das nicht – wird alles tun, um die von der Mode vorgeschriebenen Taillenmaße zu erreichen.” Mit Sport und Diät hat diese Feststellung aus dem populären “Brevier der Damen” allerdings nichts zu tun. Die Autorin hatte eine ganz andere Art von Körperformung im Sinn: “Nur in einem Corset, das genau nach Ihren Körpermaßen gefertigt ist, erhalten Sie die gewünschte gute Figur”.
Das Korsett, auch Schnürbrust, Schnürleib oder abfällig Brustpanzer genannt, war das Herzstück der Mode im 19. Jahrhundert. Ohne Schnürung war das damals herrschende Schönheitsideal auch kaum zu erreichen: eine Taille, die von zwei Händen spielend umfaßt werden konnte, dazu – je nach aktueller Vorliebe – eine herausgehobene oder flachgepreßte Brust, breite oder verschwindende Hüften und meist ein überdimensionales Gesäß. Von Natur aus konnte keine Frau so aussehen, und so kam das Korsett zum Einsatz, das den Körper wie eine Skulptur modellierte.
Was nach sanfter Formung klingt, war in der Realität eine ständige Qual. Das Korsett wurde so eng geschnürt, daß innere Organe verschoben, die Atmung behindert und die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt wurden. Diejenigen, die es sich leisten konnten, nahmen zum Anlegen die Hilfe ihres Kammermädchens in Anspruch. Eine Zeitgenossin beschrieb dies so: “Man zog das Korsett ungeschnürt an, dann preßte man beide Arme fest in die Seiten, hielt den Atem an, und die Kammerzofe zog mit Leibeskräften an den Korsettschnüren. Nun kam eine kleine Pause, man holte Atem, und die Kammerjungfer sammelte neue Kräfte. Die Prozedur wurde abermals wiederholt…” Die Kleider der Frauen waren entsprechend geschnitten, so daß man sie überhaupt nicht schließen konnte, wenn die Taille nicht auf das Idealmaß zusammengepreßt war – und als solches galten 46 Zentimeter!
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Deutschland erstmals vernehmliche Kritik an dieser Frauenmode laut. Neben Frauenrechtlerinnen waren es vor allem die Anhänger der sogenannten Lebensreformbewegung, die sich im Kampf für eine gesündere Frauenkleidung hervortaten. Namhafte Mediziner gehörten der Bewegung ebenso an wie selbsternannte Gesundheitsapostel, Vegetarier oder Impfgegner. Dabei einte die Lebensreformer vor allem ihre Ablehnung der immer umfassenderen Industrialisierung und Verstädterung, ihre Sehnsucht nach Natürlichkeit und ganzheitlicher Lebensweise und ihr Verlangen, die Lebensumstände des Menschen in allen Bereichen zu reformieren, sei es nun in der Ernährung, dem Wohnumfeld, der Medizin oder eben der Kleidung.
Für die Reformer schloß das Ideal der Natürlichkeit eine neue Freiheit für den Körper mit ein. Licht und Luft sollten an die Haut gelangen, die “keusche Nacktheit” galt als Ideal des reinen, ganzheitlichen Menschen. Inbegriff dieser neuen Natürlichkeit wurde vielen Reformern die amerikanische Tänzerin Isadora Duncan. Sie trat 1902 erstmals in Deutschland auf und begeisterte mit einem “hellenistischen Kostüm”, barfuß und ohne Korsett, bekleidet nur mit einem fließenden, lockeren Gewand, das Arme und Beine frei ließ.




