Ausführlich berichteten die Gesandten Frankreichs und Englands bereits über den Kronprinzen Friedrich. Natürlich blieben der Vater-Sohn-Konflikt, der Fluchtversuch und die anschließende Bestrafung Friedrichs nicht un-bemerkt. Kommentatoren in England nannten Friedrich Wilhelm I. ein „Monster“. So ist es nicht verwunderlich, dass der in Küstrin unter Hausarrest stehende Kronprinz europaweit Sympathie gewann und ihm nicht nur aus England Geschenke zugeschickt wurden. Auch als der junge Friedrich in den folgenden Jahren immer mehr als Literat und Philosoph auftrat und sich auf sein Musenidyll in Rheinsberg zurückziehen konnte, verfolgte man sein Tun genau. Mit Voltaire, dem „Star“ unter den europäischen Philo-sophen, begann er 1736 eine rege Korrespondenz.
Entsprechend wuchsen die Erwartungen in Europa. Was würde geschehen, wenn dieser Prinz die Regierungsgeschäfte in Preußen übernehmen würde? Voltaire nannte Friedrich einen „Prinzen-Philosophen“ und prophezeite für diesen Fall den Beginn eines „goldenen Zeitalters“. Und in einer 1738 in England erschienenen Beschreibung des preußischen Königreichs heißt es über den kommenden König, die Pflege des Friedens werde den Ruhm seiner Regentschaft ausmachen.
Friedrichs erste Schritte nach dem Regierungsantritt im Frühjahr 1740 schienen dies zu be-stätigen. Maßnahmen wie die Abschaffung der Folter passten in das Bild, das man sich vom Philosophenkönig gemacht hatte. Darüber hin‧aus schien die Publikation von Friedrichs „Antimachiavell“ auch eine neue Form der Außenpolitik anzukündigen. Doch umso größer war die Überraschung, als Friedrich im Dezember 1740 ohne Vorwarnung in Schlesien einmarschierte. Damit löste er den Österreichischen Erbfolgekrieg aus, der in Europa bis 1748 Tod und Zerstörung brachte.
Von diesem Zeitpunkt an ist die europäische Wahrnehmung Friedrichs des Großen durch den Widerspruch zwischen einer grundsätzlichen Kritik seines Handelns und der grenzenlosen Bewunderung für seine Erfolge geprägt. Zu welchem Urteil man neigte, hing vor allem vom Standpunkt des Betrachters ab. Dabei waren die durch die Gesandtenberichte gut informierten politischen Entscheidungsträger zu sehr differenzierten Urteilen in der Lage. Diese hingen natürlich stark davon ab, in welchem Verhältnis man die eigene Macht zu Preußen sah: Den Alliierten Preußen betrachtete man wohlwollender als den Gegner. Außerhalb dieses Kreises der Entscheidungsträger setzte sich in der besonders in London und Paris bereits gewichtigen öffentlichen Meinung – trotz seiner offensichtlichen Rechtsbrüche – die Bewunderung für Friedrich durch.
In Paris und Versailles führte Friedrichs Angriff auf Schlesien zu einer außenpolitischen Kehrtwende. Ursprünglich hatte man dort (wie auch in Preußen) die Pragmatische Sanktion anerkannt, mit der der Übergang zur weiblichen Erbfolge in Österreich gesichert werden sollte. Doch nun setzte sich am Hof eine „Kriegspartei“ um den Herzog von Belle-Isle durch, die die Gelegenheit gekommen sah, dem alten „Erbfeind“ Österreich den entscheidenden Schlag zu versetzen. Kardinal Fleury, der seit den 1730er Jahren einen Kurs des vorsichtigen Ausgleichs mit Wien eingeschlagen hatte, war mit seinen 87 Jahren nicht mehr in der Lage, sich Belle-Isle entgegenzustellen. Und Ludwig XV. war seiner selbst noch nicht sicher genug, um den Kurs Fleurys fortzusetzen.




