Jährlich werden Millionen Menschen von Schlangen gebissen, vor allem in ländlichen Gegenden von Entwicklungsländern. Für rund 100.000 Bissopfer endet das tödlich. Denn über 600 Schlangenarten injizieren beim Biss Giftmischungen aus bis zu 70 verschiedenen Toxinen, die die Nerven lähmen und zum Atemstillstand führen – nicht nur beim Menschen, sondern auch bei den eigentlichen Beutetieren der Schlangen. Um diese Neurotoxine zu neutralisieren, braucht es Antikörper, die spezifisch an die Proteine genau dieses Giftes binden und es neutralisieren. Um solche Gegengifte herzustellen, werden bislang Pferden oder Schafen die Toxine einzelner Schlangenarten verabreicht. Die Tiere bilden daraufhin Antikörper, die aus dem Blut entnommen und bei Bedarf Menschen injiziert werden können.
Dieser Prozess ist zwar wirksam, es können aber schwere unerwünschte Reaktionen auf die nicht-menschlichen Antikörper auftreten. Zudem liefert diese Methode immer nur das Gegengift für ein spezifisches Schlangengift. Oft wissen die Gebissenen aber nicht, welcher Schlangenart sie begegnet sind, was die Antiserum-Auswahl erheblich erschwert. Zudem sind nicht alle Gegengifte jederzeit und überall vorrätig. Mediziner suchen daher seit Langem nach einem Weg, um ein breit wirksames oder gar universelles Gegengift herzustellen, das mehrere Toxine auf einmal neutralisiert.

Antikörper aus hyperimmunem Spender
Ein Team um Jacob Glanville von der Firma Centivax in South San Francisco hat nun ein solches Gegengift entwickelt, das auf den Antikörpern eines menschlichen Spenders beruht. Der Mann hatte sich 856-mal selbst immunisiert, indem er sich absichtlich verschiedene Schlangengifte injizierte. „Der Spender hatte über einen Zeitraum von fast 18 Jahren Hunderte von Bissen und Selbstimmunisierungen mit eskalierenden Dosen von 16 Arten sehr tödlicher Schlangen durchgeführt, die normalerweise ein Pferd töten würden“, berichtet Glanville. Die Mediziner haben nun getestet, welche Antikörper das Immunsystem des Mannes dadurch entwickelt hat und ob sich diese als Gegengift nutzen lassen.
Das Team isolierte dafür die Antikörper aus den B-Gedächtniszellen aus dem Blut des Spenders und testete, gegen welche Neurotoxine sie jeweils wirken. Dabei prüften sie die Inhaltsstoffe der Giftmischungen von 19 Schlangen aus der Familie der Elapiden, die zu den tödlichsten der Welt zählen. Diese Gruppe umfasst etwa die Hälfte aller giftigen Schlangenarten, darunter Mambas, Kobras, Taipane und Kraits. Die getesteten Schlangenarten leben in Nordamerika, Afrika, Asien, Australien und Ozeanien. Die aus dem Spender isolierten Antikörper verabreichten Glanville und seine Kollegen dann nacheinander Mäusen, die eines oder mehrere der 19 Schlangengifte erhalten hatten. Dabei kombinierten sie schrittweise mehrere Antikörper zu einem Cocktail, der möglichst viele Gifte auf einmal neutralisieren kann.





