Der Aralsee in Zentralasien war bis Ende der 1950er Jahre mit über 68.000 Quadratkilometern der viertgrößte Salzsee der Welt. Doch aus den beiden Flüssen, die ihn speisten – dem Syr Darya und dem Amu Darya –, haben Landwirte und Anwohner über Jahre hinweg zu viel Wasser entnommen. Vor allem die intensive Bewässerung von Baumwollfeldern führte dazu, dass die Flüsse und der See langsam austrockneten. Zwischen 1960 und 2018 nahm die Oberfläche des Aralsees dadurch um etwa 90 Prozent und sein Volumen um etwa 94 Prozent ab. Rund 1000 Kubikmeter Wasser hat der See seither verloren. Zurück blieb eine große salzreiche Wüste in Kasachstan und Usbekistan sowie zwei kleinere Restseen am Nord- und Westende des einstigen Gewässers. Vor der Austrocknung sorgte das Gewicht des Wassers – rund 1000 Gigatonnen – über Jahrtausende dafür, dass die Erdkruste unter dem See nach unten gedrückt wurde.
Boden hebt sich um sieben Millimeter pro Jahr
Doch wie wirkt sich die Austrocknung auf den Untergrund unter dem Aralsee aus? Dieser Frage sind nun Forschende um Wenzhi Fan von der Universität Peking nachgegangen. Dafür werteten die Geologen Daten von Satelliten aus, mit denen zwischen 2016 und 2020 per Radar die Topografie und Höhe des Untergrunds im Aralseebecken vermessen wurde. Anschließend simulierten und analysierten sie die Prozesse in der Erdkruste mit Computermodellen.
Das Team fand so heraus, dass sich der ehemalige Seeboden durch das schwindende Gewicht tatsächlich angehoben hat. Demnach stieg der Untergrund im Seebecken jedes Jahr um durchschnittlich sieben Millimeter an. Dieser Hebungsprozess setzt sich in schwächerer Form rund um den ehemaligen See fort und umfasst insgesamt ein viel größeres Gebiet als das einst von Wasser bedeckte. Bis zu 500 Kilometer vom ursprünglichen Seemittelpunkt entfernt bewegt sich noch der Erdboden, wie die Forschenden herausfanden.
Die Simulationen enthüllten zudem, dass die Hebung noch nicht beendet und die Erdkruste noch immer in Bewegung ist. Der Grund: Das Gestein der sogenannten Asthenosphäre, die unter dem Aralsee in einer Tiefe von etwa 130 bis 190 Kilometern beginnt, verhält sich wie ein extrem viskoses Fluid. Dieses Gestein des oberen Erdmantels liegt unter dem härteren Gestein der Lithosphäre und wurde zuvor durch die enorme Auflast des Seewassers in die Tiefe gedrückt. Nun ist die Last weg und das zähflüssige Gestein fließt zeitverzögert an den Ort zurück, an dem es vor der Existenz des Sees vor etwa 20.000 Jahren einst lag, wie das Team erklärt. Dabei bewegt es sich wenige Zentimeter pro Jahr vorwärts – vergleichbar mit der Geschwindigkeit der tektonischen Plattenbewegung. Die Forschenden schätzen anhand der Daten, dass diese Gesteinsbewegungen noch viele Jahrzehnte andauern werden – so lange, bis das Gestein seine ursprüngliche Position wieder eingenommen hat.





