Unsere Blutgruppe gibt an, welche Immunproteine sich auf der Oberfläche unserer Roten Blutkörperchen befinden. Neben dem AB0-System und dem Rhesusfaktor sind inzwischen insgesamt 47 verschiedene Blutgruppenfaktoren bekannt. Etwa zehn davon sind medizinisch besonders relevant – beispielsweise, wenn es um Bluttransfusionen geht. Doch auch für unsere Immunabwehr spielen die Blutgruppen eine Rolle. So sind Menschen der Blutgruppe 0 anfälliger für schwere Cholera-Infektionen, aber resistenter gegen schwere Malaria-Infektionen. Auch für die Anfälligkeit gegenüber weiteren Krankheiten, darunter Covid-19, wird ein Einfluss der Blutgruppen diskutiert.
Entwicklung außerhalb Afrikas
Doch wann und unter welchen Einflüssen haben sich die Blutgruppen entwickelt? Um diese Frage zu klären, hat ein Team um Stéphane Mazières von der Universität Aix-Marseille in Frankreich die Genome von 22 frühen Homo sapiens und 14 Neandertalern analysiert, die vor 120.000 bis 16.500 Jahren in Eurasien lebten. Aus den genomischen Daten leiteten die Forschenden ab, welche Blutgruppe die jeweiligen Individuen hatten, wobei sie zusätzlich zum AB0-System und dem Rhesusfaktor weitere Blutgruppensysteme wie das Kell-, Duffy-, Kidd-, MNS- und Sekretor-System betrachteten.
Das Ergebnis: „Wir stellten fest, dass der Homo sapiens Eurasien mit Blutgruppen-Allelen eroberte, die derzeit ausschließlich in nicht-afrikanischen Populationen vorkommen“, berichtet das Team. „Das deutet darauf hin, dass sich diese Allele unmittelbar nach dem Verlassen Afrikas, zwischen 70.000 und 45.000 vor heute, differenziert haben könnten.“ Besonders deutlich sind die Unterschiede zwischen afrikanischen und nicht-afrikanischen Populationen beim Rhesus- und beim Duffy-System, wie die Analysen ergaben. Bei den Neandertalern blieben die gefundenen Blutgruppenallele dagegen im gesamten untersuchten Zeitraum stabil, also seit der Zeit vor 120.000 Jahren bis zum Aussterben dieser Frühmenschen vor rund 40.000 Jahren.
Schutz gegen neue Krankheiten?
Aus Sicht der Forschenden legen diese Ergebnisse nahe, dass es für den Homo sapiens nach dem Verlassen Afrikas einen Selektionsdruck gab, neue Blutgruppen zu entwickeln, um sich an die Herausforderungen der neuen Umgebung anzupassen. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass der Homo sapiens auf seinem Weg aus Afrika mindestens 15.000 Jahre im Bereich des Persischen Plateaus in Westasien blieb, bevor er sich in ganz Eurasien verbreitete. Nach Ansicht von Mazières und seinen Kollegen ist es plausibel, dass sich in dieser Zeit wichtige Blutgruppenmerkmale entwickelt haben, die ihnen in ihrer afrikanischen Heimat fehlten.
Viele der damals entstandenen Varianten der Blutgruppen finden sich noch heute, darunter auch Varianten, die erst durch die Kreuzung früher Vertreter des Homo sapiens mit Neandertalern ins Erbgut des modernen Menschen gelangten. Andere sind im Laufe der Evolution verloren gegangen. So trug eines der ältesten entschlüsselten Homo-sapiens-Genome, das von einem Individuum stammt, das vor rund 45.000 Jahren in Ust’Ishim im westlichen Sibirien gelebt hat, drei unbekannte Blutgruppenvarianten. „Diese Allele könnten Teil des verlorenen genetischen Erbes der frühen Eurasier sein“, erläutert das Team.





