Von FRANK FRICK
Am Anfang von Arzneistoffen, die ihren Ursprung im Meer haben, steht eine Geschichte, die sich ein Autor kaum besser hätte ausdenken können. Die Helden waren je nach Perspektive ein deutschstämmiger Chemiker oder ein unscheinbarer brauner Meeresschwamm. Das Happy End war ein riesiger Erfolg als Ergebnis einer Suche, die eigentlich etwas anderem galt. Ganz zufällig kam der Triumph allerdings trotzdem nicht, denn ohne die Neugier, die Hartnäckigkeit und das Teamwork von Wissenschaftlern hätte er sich nicht eingestellt.
Der Chemiker hieß Werner Bergmann, 1904 geboren in Bielefeld, Studium an der Universität Tübingen, Promotion im Alter von 24 an der Universität Göttingen. 1931 ging er mithilfe eines Stipendiums an die renommierte Yale University in New Haven an der Ostküste der USA.
Der zweite Held der Geschichte, die Meeresschwamm-Art, war zu der Zeit noch namenlos: Kein Biologe hatte sie bis dahin wissenschaftlich beschrieben und in die Systematik der Lebewesen eingeordnet. Aufeinander trafen Bergmann und der unbenannte Schwamm, als der Chemiker im Jahr 1945 vor der Küste Floridas tauchte, um einige der unbeweglichen Flecke aus porösem Gewebe vom Ozeanboden aufzusammeln. Sein Interesse galt den Schwämmen als einer Quelle für neuartige Sterine – eine damals noch weitgehend unerforschte Substanzklasse, von der heute das bekannteste das Cholesterin ist.
Zurück im Labor, wandte Bergmann die übliche Methode an, um Sterine aus Schwämmen herauszulösen: Er legte die Proben der unbenannten Art in kochendes Aceton. Dabei geschah etwas Unterwartetes: Es „trennte sich vom siedenden Lösungsmittel eine ziemlich große Menge eines schön kristallinen Materials in einer Ausbeute ab, die etwa zwei Prozent des getrockneten Schwamms entsprach“, berichtete Bergmann.
Er analysierte die Substanz und stellte fest, dass sie eng verwandt war mit Thymidin, einem Baustein der DNA. Zwar war der genaue Aufbau der Erbsubstanz damals noch ein Rätsel, aber die vier wesentlichen Bausteine – die Nukleoside, darunter Thymidin – waren bekannt. Er nannte die Substanz Spongothymidin (griechisch spongos, Schwamm).
Offen blieb zunächst die Frage, wozu der Schwamm mit dem heutigen Namen Tectitethya crypta so große Mengen Spongothymidin produziert. Heute lässt sie sich beantworten: Schwämme können wie andere Weichtiere, die am Meeresboden verankert sind, weder vor Fressfeinden noch vor wuchernden Algen oder Pilzen fliehen. Daher produzieren sie hochwirksame Abwehrstoffe. Evolutionär naheliegend ist es, diese Abwehrstoffe durch eine leichte Abwandlung von Substanzen herzustellen, die mit anderer Funktion sowieso im Organismus vorhanden sind.





