Viel ist über die großen Entwicklungen geschrieben worden, die in Europa zwischen etwa 1000 und 1300 im Wirtschaftsleben, in Politik, Kultur und Religion stattfanden. Kühn übernahm man Schlagwörter wie Handelsrevolution, Staatsbildung, Renaissance, Humanismus und Reformation aus anderen historischen Epochen und betonte so, wie wichtig die mittelalterlichen Voraussetzungen für ein tieferes Verständnis der späteren Phänomene sind. Bis vor kurzem konzentrierten sich die meisten dieser Arbeiten fast ausschließlich auf die Mehrheitsgesellschaft des lateinischen Westens: die Christen. Als dann das Interesse an zuvor vernachlässigten Gruppen unter diesen wuchs – so etwa an den Frauen –, erweiterten auch die Historiker ihren Horizont: Sie blickten über die engen Grenzen des institutionalisierten Christentums hinaus und untersuchten sogenannte Außenseiter wie Ketzer, Juden und Muslime.
Die Vorstellung, die sich Christen im hohen Mittelalter von den Juden machten, ging im Grundsatz auf die Formulierung vom „Testimonium veritatis“ (Zeugnis für die Wahrheit) des Augustinus von Hippo aus dem 5. Jahrhundert zurück, die ihrerseits viel von dem Apostel Paulus entlehnte. Nach Augustinus sollten Juden in der christlichen Gesellschaft geduldet werden, seien sie doch Zeugen für die Wahrheit der Bücher des Alten Testaments und damit auch der Prophezeiungen über Jesus Christus. Damit aber dienten die Juden, ob sie es wollten oder nicht, den Christen. Um die dienende Rolle der Juden zu betonen, legte Augustinus fest, daß Christen niemals von Juden beschäftigt werden dürften. Am Ende aller Zeiten aber würde sich die Prophezeiung des Paulus erfüllen, und alle Heiden und Juden würden sich zu Christus bekehren.
Diese Grundvorstellung übernahm Gregor I. 598 in die päpstliche Gesetzgebung. Sie legte fest, daß Juden unbehelligt bleiben sollten, solange sie sich nicht über die ihnen von der christlichen Theologie zugewiesene Rolle hinauswagten: die Wahrheit des Christentums zu bezeugen und als stete Erinnerung daran zu dienen, daß Christus in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft das Heil bringe. Augustins und Gregors Modelle einer fortdauernden jüdischen Präsenz unter den Christen und die Erwartung des Paulus, daß sich die Juden bekehrten, verschwanden nie ganz aus dem Denken der Kirche über die Juden – trotz vieler Widersprüche in der Praxis. So waren etwa im Frühmittelalter viele Christen bei Juden beschäftigt, die als Landbesitzer und Unternehmer beträchtlichen Einfluß auf das soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Leben ihrer Gastgemeinden ausübten. In Teilen des heutigen Südfrankreich und in Spanien galt dies bis weit über das Jahr 1300 hinaus – ermöglicht natürlich durch den kosmopolitischen Charakter der südeuropäischen Gesellschaft, die viel der muslimischen Toleranz gegenüber den „Völkern des Buches“ verdankte. Andererseits fanden einige der grausamsten Judenverfolgungen in Spanien statt: zwischen 586 und 711, also nachdem die Westgoten zur Papstkirche übergetreten waren und bevor sie von den Muslimen besiegt wurden.





