„Es gibt vermutlich kaum einen Fall von Magenkrebs, der nicht auf eine Infektion mit Helicobacter pylori zurückzuführen ist” – für Dietrich Rothenbacher vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung (DZFA) in Heidelberg ist der Magenkeim so etwas wie der entscheidende Funke, der das Feuer des Krebsgeschehens entfacht.
Schon längere Zeit ist bekannt, dass Helicobacter pylori nicht nur Magen- und Darmgeschwüre auslöst, sondern auch Magenkrebs begünstigen kann. Aufgrund erdrückender Indizien hat die WHO das Bakterium schon 1994 als Klasse-1-Krebsverursacher eingestuft. Damit befindet es sich in schlechter Gesellschaft mit hochkarätigen Karzinogenen wie Benzol, Aflatoxinen oder Asbest.
Allerdings gingen Epidemiologen bisher davon aus, dass das säureresistente Bakterium das Risiko für Magenkrebs lediglich um das 2- bis 6fache erhöht. Dietrich Rothenbacher: „In den älteren Untersuchungen wurde jedoch übersehen, dass zum Zeitpunkt der Diagnose ‚Magenkrebs‘ das Bakterium schon längst wieder verschwunden sein kann. Bis ein Tumor klinisch auffällig wird, kann es bis zu 20 Jahre dauern.” Daher haben er und andere Mitarbeiter aus der DZFA-Gruppe um Hermann Brenner in die neue Analyse nur Patienten einbezogen, bei denen sich eindeutig feststellen ließ, ob sie zum Zeitpunkt der Krebsentstehung tatsächlich mit Helicobacter pylori infiziert waren oder nicht. Die Auswertung lässt darauf schließen, dass ohne Infektion kein Magenkrebs entsteht.
Dennoch warnen die DZFA-Epidemiologen vor einer Panik. Schließlich komme es maximal bei einem von 100 Infizierten zum Krebs. Außerdem sinkt – zumindest in den westlichen Industrieländern – die Infektionshäufigkeit ständig: Bei den heute 50-jährigen Deutschen ist noch jeder Zweite mit dem Magenkeim infiziert, bei deutschen Erstklässlern nicht einmal mehr jeder Zwanzigste. Der Grund ist die verbesserte Hygiene, denn Helicobacter wird durch Schmierinfektionen übertragen und nicht durch Küsse, wie man lange dachte. „Und alle Daten deuten darauf hin, dass man sich nur in einem eng begrenzten Zeitfenster zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr infiziert”, sagt Rothenbacher.
Auf Helicobacter sollten sich lediglich Personen testen lassen, bei denen der Verdacht auf ein Magengeschwür besteht, oder bei deren Eltern oder Geschwistern Magenkrebs aufgetreten ist. „Allerdings ist unklar, ob sich durch eine antibakterielle Therapie das Risiko für Magenkrebs tatsächlich reduzieren lässt”, sagt Rothenbacher.
Der Heidelberger Mediziner kann einer Infektion mit dem Bakterium sogar positive Seiten abgewinnen. Es gibt Hinweise darauf, dass Helicobacter pylori das kindliche Immunsystem aktiviert und die Neigung zu allergischen Reaktionen reduziert. Rothenbacher: „Es könnte durchaus einen Zusammenhang zwischen den rückläufigen Infektionszahlen und der Zunahme von Allergien geben.” DNA-Untersuchungen haben gezeigt, dass das Bakterium schon sehr früh in der menschlichen Evolution den Magen als Lebensraum erobert hat, was dafür spricht, dass beide Partner profitieren. Vielleicht ist Magenkrebs lediglich ein „ Betriebsunfall” in der gemeinsamen Entwicklungsgeschichte von Mensch und Bakterium.
Dr. Ulrich Fricke





